Reisetagebuch

Erster Eintrag, 05.09.25

Hallo ihr Lieben,

Ich schaffe es endlich auch mal, mich zu melden. Mein Flug war in Ordnung, aber relativ anstrengend. Wir sind um 2:30 Uhr nach bolivianischer Zeit am Flughafen "El Alto" in der Hauptstadt La Paz gelandet. El Alto liegt auf 4100 Höhenmetern und bei unserer Ankunft waren es dort etwa 3 °C. Besonders die Höhe habe ich sehr gemerkt: Mir war direkt unfassbar schwindelig. Jede schnelle Bewegung lässt einen aus der Puste kommen. Zusätzlich war mir sofort schlecht, und ich hatte starke Kopfschmerzen.

In meinem Flieger nach El Alto saß ich neben einer älteren Dame, die ursprünglich aus La Paz kommt, aber vor 15 Jahren nach Hamburg ausgewandert ist. Sie hat mir erklärt, dass ich die nächsten Tage alles ganz langsam machen müsste und möglichst schnell Tee aus Mateblättern trinken sollte. Mateblätter sind hier anscheinend eine Art Allheilmittel: Ob zur Konzentration, um wach zu bleiben oder eben gegen Symptome der Höhenkrankheit – für alles werden Mateblätter gekaut oder in den Tee getan. Auch ich habe bei meiner Ankunft einen Mate-Tee getrunken und das Gefühl gehabt, dass meine Symptome danach abgemildert waren (ich bin aber auch sehr anfällig für Placebo).

Nachdem wir durch alle Kontrollen am Flughafen gegangen sind und unsere Koffer geholt hatten, standen am Eingang einige Personen mit einem Schild für ICJA Bolivia. Unser Stand war, dass wir direkt ins Camp in der Yungas-Region fahren würden, aber es stellte sich heraus, dass wir zunächst bis Freitag in La Paz bleiben. Wir waren acht Freiwillige aus Deutschland und zwei aus Österreich, die wir auf dem Weg noch aufgegabelt hatten. Alle waren käseweiß im Gesicht und wollten sich eigentlich nur noch hinsetzen.

Für die anschließenden zwei Tage wurden wir auf verschiedene Gastfamilien aufgeteilt. Ich bin aber mit drei anderen in einer WG, in der zwei von uns auch im nächsten Jahr wohnen werden. Nachdem wir dort angekommen waren, haben wir Dana kennengelernt, eine 22-jährige ICYE-Freiwillige aus Bolivien, die im organisatorischen Bereich mithilft. Sie wohnt hier mit uns und wird auch mit mir nach Santa Cruz kommen.

Die Nacht war extrem kalt, weil es hier keine Heizungen gibt und mein Schlafsack leider nicht zaubern kann. Die Kombination aus Jetlag, Höhenkrankheit und Kälte hat dafür gesorgt, dass es mir nicht so gut ging und ich gestern sehr, sehr erschöpft aufgewacht bin. Direkt nach dem Aufstehen sind wir einkaufen gegangen. Es war ein total komisches Gefühl, weil mir in Peru immer gesagt wurde, dass es gefährlich sei, auf der Straße zu laufen. Hier sind wir vier mit Dana aber einfach los, um zehn Minuten bis zum Supermarkt zu laufen.

Beim Supermarkt angekommen, ist uns aufgefallen, dass wir erst einmal Geld wechseln mussten. Ein Wechselhaus mit gutem Kurs zu finden, stellte sich als schwierige Herausforderung heraus, und wir sind sicher drei Stunden durch La Paz spaziert. In La Paz sind die Straßen relativ uneben und es gibt überall starke Steigungen. Auf dem Boden oder in kleinen Ständen sitzen viele Händlerinnen, die Süßigkeiten, Getränke oder warmes Essen verkaufen. Über uns fuhren die "Teleféricos", kleine Gondeln, die wie Straßenbahnen genutzt werden. Der Verkehr in La Paz ist sehr unübersichtlich, es wird viel gehupt, und wir Fußgänger haben kaum Ampeln, sondern gehen einfach über die Straße. Auf dem Rückweg vom Wechselhaus zum Supermarkt sind wir Taxi gefahren und mussten uns dafür zu viert auf die Rückbank quetschen. Einen Anschnallgurt gab es nicht, trotzdem habe ich mich verhältnismäßig sicher gefühlt.

Im Anschluss an den Einkauf haben wir außer Mittagessen nicht mehr viel gemacht, außer zu versuchen, unsere Höhenkrankheit in den Griff zu bekommen (leider vergebens). Heute geht es um 8 Uhr los ins Camp. Ich bin durch den Jetlag leider schon um 4:30 Uhr aufgewacht und nutze jetzt die Gelegenheit, euch zu updaten. Die letzte Nacht war wieder sehr kalt, und ich bin unfassbar dankbar dafür, dass ich meine Wärmflasche mitgenommen habe. In der Yungas-Region soll es aber wärmer sein – mal sehen, ob es mir da ein wenig besser geht.

Ich weiß noch nicht genau, wie das Internet im Camp ist, und ich habe auch noch keine neue SIM-Karte, weil Dana mir geraten hat, sie erst in Santa Cruz zu kaufen. Deshalb kann ich noch nicht sagen, wann ich mich das nächste Mal melde.

Bis dahin ganz liebe Grüße!
Malin

Zweiter Eintrag, 08.09.25

Hallo ihr Lieben,

wenn ihr das lest, bin ich vermutlich schon auf dem Weg nach Santa Cruz. Die letzten Tage waren sehr anstrengend. Wie erwartet hatte ich kein Internet und konnte mich so nur einmal am Tag über den Hotspot einer Freundin bei jemandem melden. Ich hätte lieber mehr Zeit für meine Lieben – so wenig Kontakt schlägt mir schnell auf die Psyche.

Die letzten vier Tage waren wir in der Yungas-Region, etwa dreieinhalb Stunden von La Paz entfernt. Um dorthin zu kommen, sind wir in zwei Minibussen gefahren, die keine Anschnallgurte hatten. Die Straßen hatten einige Schlaglöcher, was die Fahrt zu einer ziemlichen Schaukelpartie machte. In der ersten Stunde sind wir immer weiter nach oben gefahren, bis wir schließlich auf 4.700 Höhenmetern waren. Auf dieser Höhe habe ich sowohl Schnee als auch Alpakas gesehen. Anschließend ging es bergab.

Einige von euch haben vielleicht schon von der Todesstraße gehört – eine Straße in Bolivien, auf der so viele Menschen ums Leben gekommen sind, dass sie nur noch für Fahrradfahrer zugänglich ist. Die Straße, auf der wir gefahren sind, war die Ersatzstrecke. Nach meinem Gefühl hätte sie ein paar mehr Leitplanken und ein paar weniger scharfe Kurven vertragen. Aber nachdem unser Fahrer angefangen hatte zu beten, während wir bergab fuhren, konnte mich in Sachen Sicherheit nicht mehr viel beruhigen. Wir sind verhältnismäßig schnell von 4.700 auf 1.500 Höhenmeter gefallen (entsprechend steil waren die Straßen), und ich habe sofort gemerkt, wie meine Kopfschmerzen nachgelassen haben. Viele der anderen hatten vorher auch mit Atemproblemen zu kämpfen – von denen ich zum Glück verschont blieb (Schwimmen hat wohl doch etwas Gutes). Auf dem Weg habe ich schnell bemerkt, dass die Umgebung grüner wurde. Außerdem hat es angefangen zu regnen, und plötzlich war alles in Nebel gehüllt – keine schöne Entwicklung mit Blick auf mein ohnehin angeschlagenes Sicherheitsgefühl.
Nach etwa dreieinhalb Stunden Fahrt sind wir in unserem Camp angekommen.

Unser Camp liegt sehr abgelegen, auf einem Berg, als Teil einer afrobolivianischen Gemeinschaft. Über das Essen kann ich wirklich nicht klagen: Es gibt reichlich und auch eine gute Auswahl für Vegetarier. Worüber ich aber klagen möchte, sind die Badezimmer. Aus Gründen der Ästhetik habe ich beschlossen, kein Foto zu machen – aber ich habe sehr bereut, nicht in La Paz geduscht zu haben. Zum Glück ist es hier deutlich wärmer, bis zu 25 °C. Täuschen lassen darf man sich davon aber nicht, weil der UV-Index bei ungefähr 8 liegt (ich habe schon den ersten Sonnenbrand). Im Allgemeinen ist es hier viel grüner und schwüler. Ich finde es schwer zu beschreiben, aber ihr könnt es bald selbst auf meinen Fotos sehen. Leider gibt es auch Moskitos, und ich muss gestehen, dass ich ihnen schon öfter zum Opfer gefallen bin, als mir lieb ist – trotz fleißigem Einsprühen.

Der Tagesablauf hier ist sehr gut gefüllt. Mir gefällt, dass die Themen viel praktischer behandelt werden als im Vorbereitungsseminar in Deutschland. Wir haben viel über afrobolivianische Tänze und ihre Musik gelernt. Sie haben hier eigene Instrumente und Trachten, die sie immer noch nutzen, um ihre Kultur zu feiern. Die Gemeinde baut außerdem verschiedene Früchte an – Mangos, Papayas, Bananen – und hat auch eigene Kaffee- und Mate-de-Coca-Plantagen. Ich hatte das Glück, den ganzen Herstellungsprozess des Kaffees kennenzulernen: Zuerst wachsen die roten Beeren an der Pflanze. Dann werden sie entweder 40 Tage in der Sonne getrocknet oder die Kerne herausgedrückt und anschließend getrocknet. Danach wird die Schale der Bohne entfernt, und sie kann geröstet und gemahlen werden. Ich habe ein paar Bohnen gemopst – wenn mich niemand aufhält, bringe ich sie nach Deutschland mit und röste sie dort. Probieren durften wir den Kaffee auch, aber da ich keine Ahnung habe, wie guter Kaffee schmecken sollte, kann ich kein Urteil fällen. Neben Kaffee kann man auch aus dem Fruchtfleisch Saft pressen, der mich stark an Instant-Eistee erinnert. Außerdem ist mir aufgefallen, dass viele Getränke hier aus Linsen- oder Bohnensaft bestehen, dem Zimt hinzugefügt wird. Das Essen besteht oft aus verschiedenen Kombinationen von Kartoffeln und Reis – wobei Reis eigentlich fast immer dabei ist.

Sehr schön war für mich, dass ich noch mehr Informationen über mein Projekt und meine Wohnsituation bekommen habe. Ich weiß jetzt zum Beispiel, dass ich mit zwei Mädchen und einem Jungen zusammenwohne. Zwei von ihnen reisen allerdings im Januar ab, sodass ich nur noch mit einem Mädchen zusammenleben werde (es sollen aber wohl noch neue Freiwillige dazukommen). Ich habe auch schon ein Foto von meinem Zimmer gesehen, das sehr schnuckelig aussieht – betet mit mir für einen Schreibtisch! In den ersten Wochen werden wir einen Sprachkurs haben. Da wir in Santa Cruz nur zu dritt sind (die anderen beiden heißen Vitus und Harper – dann habt ihr das auch schon gehört), gehen wir zum Unterricht ins italienische Restaurant der Familie unserer Sprachlehrerin. Zum Glück habe ich mit meinem Spanisch keine allzu großen Probleme und bin erleichtert, weil ich weiß, dass ich im Notfall zurechtkommen werde.

Um nach Santa Cruz zu kommen, müssen wir erst zurück nach La Paz und von dort mit einem Schlafbus weiter. Diese Busse sind hier wohl sehr beliebt. Weil die Fahrt von La Paz nach Santa Cruz 17 Stunden dauert, bin ich insgesamt etwa 21 Stunden unterwegs (ich tausche gerne). Dass ich jetzt erst einmal nach La Paz fahre, bedeutet auch, dass ich ein weiteres Mal die Schaukelpartie überstehen darf – also wünscht mir Glück!

Ich melde mich dann aus Santa Cruz (hoffentlich mit Wlan)
Liebe Grüße
Malin

Dritter Eintrag, 13.09.25

Hallo ihr Lieben,

Nachdem sie den Kampf gegen eine Tarantel im Waschsalon gerade so gewonnen hatte und auch alle Kakerlaken abwehren konnte, die ihr zu nahe gekommen waren, verspätet sich Malins Tagebucheintrag aufgrund mehrerer mentaler Breakdowns ein wenig. (Dafür wird er aber länger!)

Vierter Eintrag, 15.09.25

Hallo ihr Lieben,

Ich habe mich inzwischen vom „Krieg mit der Tarantel“ erholt und endlich die Zeit gefunden, euch ein wenig zu berichten. Wie ihr euch vielleicht schon denken könnt, bin ich jetzt in Santa Cruz angekommen. Die 17-stündige Busfahrt war zwar nicht gerade mein Lieblingsabschnitt der Reise, aber ich habe sie überlebt.

In Santa Cruz wurde ich direkt in mein Projekt gebracht. Mi Rancho liegt etwas außerhalb, in der Nähe des Nachbarortes Cotoca. Wenn man dort ankommt, sieht man zuerst die vier Häuser, in denen die Jungs wohnen. Es sind vor allem ehemalige Straßenkinder, die hier aufgenommen werden, weil sie keine Familie mehr haben oder weil das Leben auf der Straße für sie zunächst besser erschien als ihr Zuhause.

Die Jungs sprechen in einem ganz eigenen Tonfall, geprägt von der „Sprache der Straße“, die manchmal härter wirkt, ohne dass sie bewusst beleidigend sein wollen. Hier lernen sie die grundlegenden Dinge des Alltags – wie Zähneputzen oder dass man in einem Bett schlafen kann. Sie beginnen im ersten Haus, Diluchi (für 9–14-Jährige), und wechseln mit zunehmendem Alter in die weiteren Häuser: Casa Grande (14–18) und schließlich in die beiden Häuser für die Ältesten (bis 23).

Läuft man an den Häusern vorbei, kommt man zu einem Fußballfeld und anschließend zum Büro der Freiwilligen und unserer Vorgesetzten. Dahinter befindet sich eine Mauer, die die Jungs nicht überschreiten dürfen. Durch den Durchgang gelangt man schließlich zum Freiwilligenhaus. Es ist wie ein U aufgebaut, mit einer Terrasse in der Mitte. Mein Zimmer liegt am oberen rechten Ende des U – schön ruhig, mit zwei großen Fenstern und einem Moskitonetz, das mich ein bisschen wie eine Prinzessin schlafen lässt. Klein, aber fein!

Mittlerweile kenne ich auch meine Mitbewohner: Paula, Sara und Samuel aus Spanien, alle drei 25 Jahre alt. Sie machen ihr Freiwilligenjahr parallel zum Studium, und wir lachen unglaublich viel zusammen – trotz Sprachbarriere! Außerdem gibt es zwei Katzen, Miso und Tofu. Eigentlich bin ich eher Team Hund, aber für die beiden mache ich gerne eine Ausnahme.

An meinem ersten Tag habe ich direkt den Koch Manuel, unsere Hauskoordinatorin Isa und den Hausmeister/Koordinator Juan kennengelernt. In den nächsten Tagen dann auch Samuel, den Koordinator der Diluchis, und unsere Chefin Ximena.

Am Dienstag war ich zum ersten Mal in Cotoca dabei, wo mit den Straßenkindern gearbeitet wird. Ich habe vor allem zugeschaut, weil die Sprachbarriere noch groß ist, aber allein das Mitgehen hat mich Überwindung gekostet – und ich war ziemlich stolz darauf! Viele der Kinder dort entwickeln eine starke Videospielabhängigkeit, deshalb spielen wir mit ihnen andere Spiele, um ihnen Alternativen zu zeigen und das Miteinander zu fördern. Ähnliches haben wir am Abend auch in Santa Cruz gemacht – dort eher mit Familien von der Straße. Da wurde viel geredet, aber auch gemalt und natürlich Fußball gespielt.

Am Mittwoch habe ich dann mein zweites Projekt kennengelernt: Los Dos Patitos („Die zwei Entlein“), ein Kindergarten für Kinder aus schwierigen Familienverhältnissen. Eigentlich hatte ich mich darauf beworben, weil es dort auch eine Schulklasse gab – die wurde aber leider wegen Lehrermangels geschlossen. Das ist schade, weil ich eigentlich in einer Schule ausprobieren wollte, ob Lehramt etwas für mich wäre. Aber gut, ich gehe hier mit dem Flow (naja, so halb).

Mein erster Tag dort war trotzdem schön: Ich war in der kleinsten Gruppe (2–3 Jahre). Die Lehrerin war sehr herzlich und hat mich sofort einbezogen. Die Kinder sind unglaublich süß, wenn auch etwas wortlos – oft haben sie mich einfach nur mit großen Augen angestarrt. Meine Hauptaufgabe bestand darin, etwa 300 Papierblüten auszuschneiden, während die Kleinen versuchten, mir die Schere zu klauen.

anderer Tag war weniger spannend: Wir waren an einer Uni, um ICYE vorzustellen – auf Spanisch. Ihr könnt euch vorstellen, wie das lief. Dazu waren es konstant 38 °C, was den Alltag hier nicht unbedingt angenehmer macht. Dafür werde ich aber definitiv braun zurückkommen – und wer das anzweifelt, bekommt schlechtes Karma!

Freitag durfte ich den Jungs aus Diluchi Englischunterricht geben. Natürlich musste ich das auf Spanisch tun – was die Sache nicht unbedingt leichter machte. Trotzdem war es eine super Erfahrung: Ich hatte vorher gehört, dass es schwierig werden könnte, weil die Stunde mitten aus einem Fußballspiel gerissen wurde und es außerdem Freitag war. Aber die Jungs waren total aufmerksam und lieb. Es hat richtig Spaß gemacht – auch wenn ich den Haribos, die ich zur Bestechung dabeihatte, ein bisschen Kredit geben muss.

Die Fortbewegung hier ist gewöhnungsbedürftig: Es gibt Micros (kleine Busse), die man einfach per Handzeichen anhält. Sie sind super günstig (ca. 20 Cent), aber oft voll und nicht unbedingt die sicherste Option. Dann gibt es noch Trufis – wie Sammeltaxis mit festen Routen. Sie sind etwas teurer (ca. 40 Cent), aber angenehmer. Da ich mich bisher allein weder im Micro noch im Trufi richtig wohlfühle, sorgt das Projekt dafür, dass immer jemand mit mir fährt. Für längere Strecken nutze ich häufig Yango oder Uber – mit Yango ist man schon für 4–5 Euro eine Dreiviertelstunde unterwegs. Eigentlich wollte ich den Alltag hier möglichst authentisch erleben, aber ein bisschen Eingewöhnungszeit brauche ich noch, um mich sicher zu fühlen.

Heute hatte ich meinen zweiten Tag bei Los Dos Patitos – diesmal in der ältesten Gruppe (4 Jahre). Die Kinder haben sehr schnell gemerkt, dass ich nicht gut Spanisch spreche, und haben mich mit ständig wiederholten Sätzen „bearbeitet“. Ich dagegen habe meistens nur fragend zurückgestarrt. Aber genau deswegen habe ich jetzt meinen Sprachkurs angefangen: Diana, meine Lehrerin, ist sehr lieb. Heute haben wir nur einen Einstufungstest gemacht und zusammen gegessen (leider mit Paprika, weshalb ich Bauchweh hatte). Aber ich freue mich schon auf die nächsten Stunden mit ihr!

Was die Tierwelt betrifft, habe ich schon mehr als genug Bekanntschaften gemacht: Skorpion, Tarantel und Kakerlaken – reicht völlig! Am Samstag hat Tofu, die Katze, allerdings eine kleine Schlange „ausgespuckt“… ich hoffe sehr, dass das keine Ankündigung für die Zukunft war.

Am Wochenende waren meine Mitbewohner in Samaipata, einem Hippie-Dorf vier Stunden entfernt, mit Wanderungen und allem drum und dran. Ich konnte leider nicht mit, weil ICYE-Termine dazwischenkamen, und habe stattdessen allein im Haus geschwitzt und gebibbert.

Zum Schluss: Bitte verzeiht, wenn ich manchmal länger nicht antworte – den ganzen Tag auf Spanisch zu sprechen, ist wirklich anstrengend. Ich hoffe, dass es mir bald leichter fällt. Drückt mir außerdem die Daumen, dass ich keine weiteren tierischen Überraschungen erlebe (außer vielleicht Faultiere oder Affen, die wären okay).

Wir hören voneinander!

Malin

Fünfter Eintrag, 22.09.25

Hallo ihr Lieben,

Ich hoffe, euch geht’s gut. Mir geht’s zumindest gut, obwohl ich merke, dass ich echt sehr erschöpft bin. Ich denke, den ganzen Tag neue Dinge und eine fremde Sprache um sich herum zu haben, wird ohne das Adrenalin der ersten Woche einfach schnell sehr anstrengend. In den letzten Tagen habe ich es jedenfalls geschafft, an den absurdesten Orten einzuschlafen. Man muss dazu sagen, dass ich gerade viel für mein Visum erledige. Die Bürokratie hier ist zwar nicht so schlimm wie in Deutschland, aber ich musste bisher schon an so vielen Orten sehr lange auf ein Dokument warten, dass ich denke, ich wäre auch in Deutschland eingeschlafen.

Am Freitag war ich wieder in Los 2 Patitos. Dort war Tag der Schüler, der hier in Bolivien ausgiebig gefeiert wird. Die Kinder hatten süße Kappen auf, und es wurden gruppenweise verschiedene Spiele gespielt. Der Tag war sehr schön anzusehen. Nach den Feierlichkeiten durfte ich mit in die letzte Gruppe, in der ich noch nicht war. Es gibt die Entchen (hauptsächlich 2-Jährige), die Bienchen (hauptsächlich 3-Jährige) und die Ameisen (hauptsächlich 4-Jährige). Leider haben wir keine Verniedlichung für „Ameisen“, aber im Spanischen heißen sie „Amejitas“. Am Freitag durfte ich jedenfalls mit zu den Bienchen. Diese Gruppe war mit Abstand am wildesten. Ich hatte das Gefühl, dass die Entchen mit ihren 2 Jahren noch etwas ruhiger sind, während die Amejitas schon viel selbstständiger sind und vieles auf eigene Faust machen. Die Bienchen waren dadurch mehr auf meine Hilfe angewiesen, gleichzeitig aber mit extrem viel Energie ausgestattet. Als ich nach Hause gekommen bin, brauchte ich erst einmal einen Powernap (wer hätte es gedacht – sie schläft wieder).

Um aber aus meinem Dornröschen-ähnlichen Dasein herauszukommen, bin ich gestern mit meinen Mitbewohnern in eine Bar gegangen. Endlich konnte ich die Gelegenheit nutzen, mein heißgeliebtes Wizard unter die Leute zu bringen. Ich will mich noch nicht allzu weit aus dem Fenster lehnen, aber ich denke, wir werden nochmal spielen! Später haben wir noch andere Leute getroffen, mit denen wir weitergezogen sind. Einer von ihnen lebt seit 10 Jahren in Hamburg und ist gebürtiger Bolivianer. Am liebsten hätte ich ihn als meinen persönlichen Übersetzer engagiert, aber er muss leider bald wieder nach Deutschland. Jedenfalls konnte er richtig viele Kartentricks, und ich bin immer noch völlig baff. (Bei einem war die Karte zerrissen und am Ende wieder ganz – absolute Zaubererklasse!) Wenn mir also irgendwann langweilig wird, werde ich einfach Magierin!

Ein weiterer Grund, warum mir wohl nicht langweilig wird, sind die ganzen Viecher. Ich werde euch nicht mehr mit meinen Tarantel-Begegnungen langweilen, aber vorgestern habe ich einen sehr, sehr großen Skorpion in einem Loch im Türrahmen entdeckt. Wenn Sara mir nicht das Leben gerettet hätte (das ist eine Übertreibung, bitte nicht ernst nehmen!) und den Skorpion getötet hätte, wäre ich vermutlich nie wieder aus meinem Zimmer gekommen. Übrigens können wir die Affen von meiner Bucket List streichen – abends klettern sie über unseren Köpfen von Baum zu Baum. Worauf ich jetzt noch sehr hoffnungsvoll warte, sind die Faultiere. Heute früh habe ich aber durch mein Fenster eine halben Meter große Echse namens Teju gesehen. Ich habe Schwierigkeiten, sie zu beschreiben, aber vielleicht googelt ihr sie mal.

Am Samstag habe ich den ganzen Tag geruht und geschlafen. Ich hoffe, dass die Müdigkeit bald nachlässt. Meine beste Freundin Marina hat außerdem die Theorie geäußert, dass die Hitze einen großen Teil zu meiner Erschöpfung beiträgt.

Heute (Sonntag) war ich mit meinen Mitbewohnern zuerst an einem richtig coolen Ort brunchen. Ich hatte meine ersten Pancakes des Monats September und habe mit den anderen Exploding Capybara gespielt (quasi Exploding Kittens, nur cooler). Anschließend sind wir in einen Laden gegangen, der Klamotten von Marken wie Stradivarius, Bershka oder Zara verkauft, weil es die hier nicht gibt. Leider ging es mir kreislaufmäßig nicht so gut. Ich weiß echt nicht genau, woran es lag – eigentlich war es mit 34 °C heute verhältnismäßig kühl, und genug getrunken hatte ich auch. Meine neueste Theorie ist ein kleiner Sonnenstich, weil ich keine Kappe aufhatte – aber das kann uns ja auch egal sein. Leider konnte ich den Laden und das anschließende beste Eis der Stadt nicht so genießen, wie ich es sonst tun würde (eigentlich geht’s mir nach einem Eis immer gut, aber naja). Obwohl mir meine Gesundheit hier ein wenig zu schaffen macht, bin ich unfassbar froh, dass meine Mitbewohner meine Mitbewohner sind. Ich fühle mich wirklich extrem wohl und bin jetzt schon traurig, dass sie nicht das ganze Jahr über da sind.

Aktuell habe ich auch meine Schwierigkeiten mit dem Essen. Die Sachen, die ich zuhause mag, schmecken hier total anders. In unserer Küche gibt es einen Gasgrill, mit dem ich bisher nichts als Ärger hatte. Bisher habe ich mir deshalb nur einmal im Sandwichmaker etwas Warmes gemacht. Mittagessen bekomme ich eigentlich immer im Projekt, allerdings ist es eine große Umstellung, weil die bolivianische Küche viele Gerichte hat, die aus Reis, Kartoffeln *und* Nudeln bestehen – und nicht wie bei uns nur aus einem davon. Dazu kommt noch, dass ich als Vegetarierin mit ein paar Allergien sowieso meine Schwierigkeiten mit dem Essen habe. Ich weiß aber, dass ich Gerichte finden werde, die mir schmecken, und dass sich mein Geschmack hier mit der Zeit anpassen wird. Trotzdem will ich euch meine Probleme nicht vorenthalten, weil auch sie dazugehören.

Ich bin jetzt seit ungefähr 3 Wochen hier und werde noch ein bisschen brauchen, um mich richtig einzuleben. Ich bin gespannt, was noch so passiert, und nehme euch gerne mit!

**Liebe Grüße und bis bald

Malin**

Sechster Eintrag, 25.09.25

Hallöchen ihr Lieben,

mir ist eben aufgefallen, dass ich euch noch gar nicht von meinem allerneuesten Erlebnis erzählt habe. Ich saß – entgegen aller meiner Prinzipien in puncto Sicherheit – letztens auf einem Motorrad. Hier in Bolivien werden Motorräder auch als Taxis oder allgemein als öffentliches Verkehrsmittel genutzt. Sie sind von allen Transportmitteln hier am günstigsten (es gibt Motorräder als Yango, die kosten immer nur die Hälfte).

Am Dienstag bin ich mit meinen Mitbewohnern (immer → darf ich noch nicht sagen, ist aber ein regelmäßig eintretendes Ereignis) nach Cotoca gefahren, um dort mit den Straßenkindern zu spielen. Im Anschluss gehen wir dann gemeinsam unseren Wocheneinkauf erledigen. Letzte Woche wurde es etwas später als geplant und es fuhren keine Micros mehr (wir erinnern uns: das sind die Busse, in denen ich mich nur so semi-sicher fühle). Notgedrungen mussten wir ein Motorrad nehmen. Da wir zu viert waren, musste es zweimal fahren und nahm zunächst Paula und mich mit. Ich durfte in der Mitte sitzen – dafür war ich sehr dankbar, denn hinten hätte ich vermutlich nach einem qualvollen Herzinfarkt die Höllenmaschine wieder verlassen. Ich bin mir ziemlich sicher, dass weder der Fahrer noch meine Mitbewohner je erlebt haben, wie jemand so unelegant auf ein Motorrad steigt (soll man da nicht eigentlich stehen?).

Die Fahrt war erschreckend und holprig, begleitet von der ständigen Angst, dass die arme Paula ungewollt meine Haare essen muss. Aber wie bei vielen meiner hier erlebten Nahtoderfahrungen stellte ich am Ende mit Entzücken fest: Ich lebe noch. Und weil ich lebe, konnte ich gestern und heute wieder zwei Tage in Los 2 Patitos verbringen.

Am Montag habe ich in meinem Spanischunterricht viel über den menschlichen Körper gelernt. So nebensächlich das auch klingt – spätestens dann ist es nützlich, wenn man einem Kind erklären will, dass es Schnodder an der Wange hat (mir fehlt nur noch das Wort Schnodder selbst, dann wird der Satz perfekt).

Montagabends wird (immer → wir verstehen uns) ein Beschäftigungsprogramm in Form von „Ecken“ angeboten. Gestern war das allerdings ein Film, dessen Namen ich gerade nicht mehr weiß (irgendwas von Disney über Atlantis). Auch hier erwies sich mein neues Vokabular als hilfreich, da ich theoretisch mit Sätzen wie „Der hat aber komische Augenbrauen“ hätte glänzen können (ich habe mich zwar nicht getraut, während des Films zu reden, aber ich bin überzeugt, dass alle beeindruckt gewesen wären).

Morgen ist ein Feiertag: 215 Jahre Santa Cruz (ich glaube, da gibt es noch mehr Hintergrund, aber das war alles, was ich verstanden habe). Da morgen niemand arbeitet und auch der Kindergarten geschlossen ist, wurde heute schon ausgiebig gefeiert. Die Kinder haben getanzt und sind marschiert – es war genauso fabelhaft, wie es klingt. Alle waren in Grün und Weiß angezogen, und es wurden unzählige Fotos vor dem Banner gemacht. Ich durfte auch ein typisches Getränk aus Santa Cruz probieren: Somo. Es besteht aus gekochtem Wasser mit Zimt, Zucker und Mais. Leider war ich kein großer Fan und habe mein Glas schnell an Sandra, die Lehrerin der Hormiguitas, weitergegeben. Aus unerklärlichen Gründen ist mein Mund davon ganz taub geworden. Die anderen Lehrerinnen vermuteten den Zimt als Ursache.

Bisher schmecken mir hier allgemein viele Dinge nicht so gut. Obwohl ich euch im letzten Bericht schon davon erzählt habe, möchte ich diesmal etwas ausführlicher darauf eingehen. Ich weiß, dass sich mein Geschmack hier einfach anpassen muss, aber es ist sehr frustrierend. Selbst Lebensmittel, die ich in Deutschland vergöttert habe, schmecken hier plötzlich ganz anders – und gefallen mir nicht mehr. Besonders Getränke wirken oft viel süßer oder enthalten mehr Süßstoffe.

Es fühlt sich an, als müsste ich komplett neu herausfinden, was mir schmeckt, weil nichts meinen Erwartungen entspricht. Überraschenderweise funktioniert es besser, neue Dinge zu probieren, an die ich keine Erwartungen habe. So habe ich zum Beispiel einen Softdrink entdeckt, der nach Pomelo schmeckt – er entwickelt sich gerade zu meinem neuen Spaßgetränk. Beim Essen habe ich dagegen noch nicht viele Erkenntnisse gesammelt.

Mittagessen esse ich immer im Projekt. Die Köchin tut mir extrem leid, weil sie durch meinen Vegetarismus und meine Allergien gefühlt jedes Mal ein neues Gericht für mich kochen muss. Deshalb versuche ich immer, alles zu essen, was mir gegeben wird – ich möchte nicht unhöflich wirken. Hier habe ich noch kein richtiges Gefühl dafür, was höflich ist und was nicht, also bemühe ich mich, nach bestem Wissen und Gewissen besonders respektvoll zu sein.

Mein Frühstück besteht fast immer aus pan dulce, einem flachen Brötchen mit einer süßen Schicht oben drauf. Ganz durchschaut habe ich es noch nicht, aber für 10 Stück zahle ich auf dem Markt in Cotoca 5 Bolivianos (ca. 30 Cent). Irgendwie brauche ich gerade diese Konstante: das Brot am Morgen, mit dem Wissen, dass ich im Notfall immer darauf zurückgreifen kann. Im Allgemeinen schmeckt es etwas trocken, und beim „Topping“ wird eher gespart – aber damit lässt es sich erstmal leben.

Meine Mitbewohner sind aktuell sehr erschöpft, weil die Arbeitswochen sehr voll sind. Mich stört, dass ich sie nicht unterstützen kann. Ich fühle mich manchmal wie ein kleiner Klecks, der einfach nur da ist, existiert und höchstens ein bisschen stört. Gleichzeitig beginne ich, mich hier sehr wohl zu fühlen – und rede deshalb wie ein Wasserfall. Ich gebe mir wirklich Mühe, auch mal den Mund zu halten, aber bisher ohne großen Erfolg. Das bedeutet: Ich bin nicht nur ein Klecks, sondern ein brabbelnder Klecks. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass ein brabbelnder Klecks nicht unbedingt das ist, was man nach einer 10-Stunden-Schicht um sich haben möchte.

Eben gerade mussten wir, wie schon letzte Woche, wieder ein Motorrad nehmen. Ich habe mich bemüht, weniger zu jammern und eleganter aufzusteigen – ob mir das gelungen ist, bleibt offen. Übrigens nehme ich zurück, dass es billiger ist als der Micro: Gerade habe ich 4 Bolivianos gezahlt (für die gleiche Strecke habe ich im Micro 2 Bolivianos bezahlt).

Als wäre das nicht schon genug Adrenalin für einen brabbelnden Klecks, trat mir beim Verlassen meines Zimmers die größte Tarantel meiner bisherigen Sichtungen entgegen. Panisch habe ich meine – hoffentlich noch nicht total genervten – Zimmernachbarn gerufen. Paula warf zuerst einen Backstein nach ihr, leider vergeblich. Am Ende wurde sie von Samuels Latschen erschlagen. Danach musste ich vor Schreck ein bisschen weinen. Ich werde definitiv von den beiden Gruselwesen träumen (ich meine Tarantel und Motorrad).

Morgen habe ich frei, weil Feiertag ist. Mein Plan: Brownies backen. Ich hoffe, sie schmecken gut und erinnern an die in Deutschland. Wünscht mir Glück!

Eure Malin

Siebter Eintrag, 30.09.25

Hallo ihr Lieben,

Aktuell bin ich leider erkältet. Eigentlich müsste ich Sachen für mein Visum erledigen, sehe mich dabei aber regelmäßig im Interessenkonflikt zwischen meiner Gesundheit und der Fähigkeit, bald ordentlich reisen zu können. Diese Woche war ich auch nicht in meinem Projekt, aber abends arbeite ich trotzdem manchmal mit, weil man da ja immer dieses plötzliche Gefühl von Kraft hat und denkt, man sei schon wieder gesund.

Letzte Woche Mittwoch war frei und ich habe den Tag über entspannt. Abends war ich mit Paula und Sara in Cotoca. Dort haben wir Sonso gegessen – Yucateig, der wie Stockbrot um einen kleinen Stock gewickelt wird, im Kern mit Käse. Yuca (Maniok) ist eine Wurzelknolle, die hier in der bolivianischen Küche ähnlich oft wie Reis oder Kartoffeln verwendet wird. Sonso ist in Santa Cruz ein beliebtes Streetfood, über das man hier häufig stolpert. Ich mochte es sehr gerne und freue mich schon auf weiteres Streetfood.

Donnerstag und Freitag konnte ich mich endlich mal wieder in mi rancho blicken lassen. Ich habe den Jungs eine zweite Englischstunde gegeben. Erinnert ihr euch noch, dass ich bei der ersten Stunde große Angst hatte, dass sie unaufmerksam sind und mir nicht richtig zuhören? Genau so lief dann auch die zweite Stunde. Zum einen bedeutet das, dass sie sich langsam wohler mit mir fühlen (juhu), zum anderen heißt es aber auch, dass es ziemlich schwer wird, ihnen Englisch beizubringen (weniger juhu). Zu meinem Glück waren der Koch Manuel und der Betreuer der Diluchis, Samuel (nicht mein Mitbewohner), sehr interessiert an meinem Unterricht, sodass ich meinen Bildungsauftrag trotzdem ein Stück weit erfüllen konnte. Ich habe die Jungs alle neuen Wörter, die wir gelernt haben, an die Wand hängen lassen. Hoffentlich sind sie dadurch ein bisschen öfter mit den Wörtern konfrontiert und lernen sie irgendwann auch. Wünscht mir Glück fürs nächste Mal!

Am Wochenende waren die Freiwilligen aus Sucre mit bolivianischen Freunden zu Besuch und wir konnten Samstagabend gemeinsam etwas unternehmen.

Im Nachhinein war es vermutlich nicht die schlauste Idee, mit schon verdächtigen Halsschmerzen noch rauszugehen – aber man lernt ja nie aus! Jetzt trinke ich jedenfalls ganz viel Salbeitee aus Deutschland (danke, Mama).

Was mich allerdings noch viel mehr plagt als die Erkältung sind die Taranteln. Ich hätte nie gedacht, dass ich das mal sage, aber die Kakerlaken finde ich mittlerweile gar nicht mehr so schlimm. Die Taranteln hingegen – pfui! In den letzten sechs Tagen hatte ich fünfmal eine Tarantel vor meiner Zimmertür, und ich bin mittlerweile relativ sicher, dass ich einer Verschwörung auf der Spur bin. Taranteln legen ja wohl eine Menge Eier – vermutlich werden die Kleinen dann in der Nähe meines Zimmers „ausgebildet“ und nach und nach zu meiner Tür geschickt. Okay, vielleicht merkt ihr schon, dass ich gerade ein bisschen zu viel Zeit habe, um mir über sowas Gedanken zu machen. Jedenfalls habe ich abends große Angst, mein Zimmer zu verlassen und über eine Tarantel zu stolpern – und deshalb traue ich mich auch nicht mehr ins Badezimmer.

Morgen bin ich aufgewacht und es lag eine tote Tarantel vor meiner Tür. Ich bin mir relativ sicher, dass es sich um eine Opfergabe handelt – ich weiß nur noch nicht, von wem. Zum Glück (versteht diesen Satz bitte nicht falsch) ist gerade Spinnenzeit. Das bedeutet nämlich, dass ich bald mit weniger von den Viechern konfrontiert werde. Wenn ich meine Mitbewohner richtig verstanden habe, gibt es aber auch eine Kakerlakenzeit und sogar eine Wurmzeit (keine Ahnung, was man sich darunter vorstellen soll, aber ich werde zu gegebener Zeit berichten).

Ich schreibe das hier gerade am Abend, mit malerischem Gewitter im Hintergrund. Nicht so malerisch war allerdings, dass unsere Küche eben überschwemmt wurde – willkommen in der Regenzeit! Das Wasser könnten wir an anderer Stelle allerdings sehr gut gebrauchen. Unsere Waschmaschine ist nämlich gerade kaputt, was bedeutet, dass wir von Hand waschen müssen. Ich habe das vorher noch nie gemacht und es war für mich ein kleiner Kulturschock, mit Waschbrett und Seife plötzlich jedes Kleidungsstück einzeln zu schrubben. Die Jungs von mi rancho machen das immer so – deshalb ist es für mich immerhin eine Möglichkeit, ihren Alltag ein bisschen besser nachzuvollziehen. Ich muss aber gestehen, dass ich wirklich nur das Nötigste gewaschen habe, weil ich insgeheim darauf warte, dass Juan (der Hausmeister) aus seinem Urlaub zurückkommt und uns rettet.

Naja, bis dahin huste ich noch ein bisschen vor mich hin.

Ganz liebe Grüße und bis bald

Malin

Achter Eintrag, 08.10.25

Hallo ihr Lieben,

normalerweise schreibe ich meine Einträge in den Yango-Fahrten, aber weil ich mich jetzt so langsam auf den Micro umgewöhne, versuche ich es heute mal so. Hier muss ich viel mehr darauf achten, dass mein Handy bei jedem Halt versteckt und sicher ist – was gar nicht so leicht ist, weil der Micro wirklich sehr oft hält. Es besteht nämlich die Gefahr, dass sich jemand das Handy schnappt und bei einem Halt herausspringt oder dass jemand es sich durchs Fenster nimmt.

Ich muss hier im Allgemeinen sehr aufmerksam sein, weil es keine festen Stopps gibt und ich auch sonst immer schauen muss, dass ich meinen Halt nicht verpasse. Wenn man aussteigen will, sagt man „¡Pare, por favor!“, und aus vermutlich weniger rationalen Gründen habe ich eine enorme Angst davor, das zu sagen. In meiner Vorstellung drehen sich dann alle Mitfahrenden kritisch um, mustern mich und meinen Akzent. Hinzu kommt, dass ich das Ganze wirklich schreien muss – und jeder, der mich kennt, weiß, dass das nicht gerade meine liebste Kommunikationsform ist.

Das Einzige, worum ich mich erstmal nicht sorgen muss, ist, in den falschen Micro zu steigen. Ich wohne so weit außerhalb, dass nur eine Linie fährt. Spannend wird es dann, wenn ich in die Innenstadt komme. Santa Cruz ist in Ringen aufgebaut. Ich würde sagen, dass die ersten vier Ringe relativ zentral sind und alles danach eher zu den Randbezirken gehört (ich wohne übrigens nicht mal in einem Ring – nur um euch meine Abgeschiedenheit einmal nahezubringen).

Die Ringe werden von großen Straßen gebildet, die sich einmal um den ganzen Stadtkern ziehen. Auf diesen Straßen fahren sogenannte Ring-Micros, mit denen man sich in seinem Abschnitt bewegen kann. Mit diesem Wissen bin ich bisher ganz gut vorangekommen. Falls euch das Ganze etwas unklar ist, empfehle ich euch, euch den Aufbau der Stadt einmal auf einer Karte anzusehen.

In meinem letzten Beitrag habe ich euch ganz verzaubert von diesem malerischen Gewitter erzählt. Leider war das Ganze beim Aufstehen weniger malerisch, als sich ein kleiner Fluss an dem Ort gebildet hat, den ich sonst Weg nenne. Ich habe meinen Mitbewohner Samu gebeten, ein Bild zur Dokumentation meines Weges zu machen, das ich euch bereits hochgeladen habe. Besonders gruselig war, dass in dem Wasser theoretisch wirklich jedes Tier leben kann – auch Schlangen (ahhh!).

Der Regen und die Überschwemmungen verschiedenster Straßenabschnitte haben weder meiner Gesundheit noch der Dauer meiner Anfahrt zur Migration geholfen. Bei schlechtem Wetter fahren nämlich weniger Micros, die dann entsprechend voll sind. Ich habe zwar einen Platz direkt bei der Tür ergattert, aber meine Freude hat nicht lange gehalten. Der Micro war so voll, dass die Menschen aus der Tür hingen, und durch die offene Tür wurde ich vom Fahrtwind-Regengemisch ordentlich geduscht. Getarnt als nasser Pudel kam ich schließlich bei der Migration an, wo wir ungefähr neun Stunden darauf warten durften, „erhört“ zu werden.

Durch den Regen ist bei uns der Strom ausgefallen, weshalb ich mit 10 % Akku los und mit 6 % angekommen bin. Wie sich herausstellte, hat dieses grausige Amt keine einzige funktionierende Steckdose – was meine neun Stunden Wartezeit noch schöner gemacht hat. Als i-Tüpfelchen ist nach den ersten vier Stunden auch noch die letzte Toilette kaputtgegangen, ungefähr zu dem Zeitpunkt, als wir das Gebäude nicht mehr verlassen durften, weil es schon geschlossen hatte.

Ich gehe jetzt nicht weiter auf diesen schrecklichen Tag ein, aber ich glaube, ihr habt nun eine grobe Vorstellung von meinen Erfahrungen. Ich habe euch trotzdem noch ein malerisches Bild von Vitus und Harper hochgeladen, die vor lauter Wartefrust Sitzyoga begonnen haben.

Zu meiner großen Freude durfte ich gestern – also am Montag – noch einmal an diesen Ort des Schreckens, nur um festzustellen, dass mein Visum doch noch nicht fertig ist, weil die Zahlung meines zuständigen Organisators (nur meine; Harper und Vitus haben ihres schon) nicht eingegangen ist. Weil ich dort ja so viel Spaß hatte, durfte ich heute also ein drittes Mal zu Besuch kommen. Überraschenderweise ist die zuständige Beamtin krank, also gehe ich morgen ein hoffentlich letztes Mal dorthin.

Am Donnerstag (nach dem Tag des Grauens) war ich dann in Mi Rancho und habe meine dritte Englischstunde gegeben – oder es zumindest versucht. Von den fünf Kindern waren nur noch drei übrig, von denen mir nur zwei zugehört haben (der eine saß demonstrativ mit dem Rücken zu mir). Von den zwei übrigen hat einer zwar zugehört, sich aber geweigert, auch nur ein englisches Wort zu sagen. Ich glaube, dass die Annahme, er hätte zugehört, eher aus meinem Optimismus heraus entstanden ist.

Der Einzige, der wirklich zugehört hat, wurde von dem Wissen angetrieben, dass ich eine Belohnung dabei hatte. Auch hier lässt sich hinterfragen, ob es echtes Zuhören war oder eher der Versuch, „Give me food, please“ auf Englisch zu sagen, um die Süßigkeiten zu bekommen. Nachdem ich das Motivationslevel wahrgenommen hatte, habe ich allen Beteiligten mit all meinem pädagogischen Geschick eine Pause angeboten.

Ich habe ihnen gesagt, dass ich nicht den Eindruck habe, dass sie gerade Lust auf Unterricht haben – und dass ich das verstehe. Wir könnten das Ganze auch an einem anderen Tag oder gar nicht machen, ich wäre nicht böse. Hier habe ich einen großen kulturellen Unterschied gemerkt: Während in Deutschland Kinder auf so etwas – sei es beim Schwimmen oder bei der Nachhilfe – immer irgendwie reagieren, kam von den Jungs in dieser Situation gar nichts.

Später haben mir meine Mitbewohner erklärt, dass es sein kann, dass sie mich noch nicht gut genug kennen, um mir zu sagen, dass sie keine Lust haben. Ein bisschen mehr Direktheit wäre mir an der Stelle allerdings lieber gewesen, weil ich so sehr lange (wirklich sehr lange) in unbehaglicher Stille auf eine Antwort warten durfte. Unabhängig davon habe ich aber das Gefühl, dass sich die Jungs so langsam an mich gewöhnen und ein bisschen mehr auftauen.

Am Freitag habe ich der Realität ins Auge geblickt, dass Juan nicht so bald der Retter unserer Waschmaschine sein wird, und deshalb sehr viel Wäsche per Hand gewaschen. Das Becken mit diesen Waschbrettriffeln steht außerhalb unseres Hauses, umgeben von viel Gestrüpp. Während ich gewaschen habe, hielt ich panisch Ausschau nach Schlangen – unwissend darüber, dass mein wahrer Feind viel kleiner ist: Ameisen.

Ich spreche hier aber nicht von unseren kleinen, knuffigen Ameisen – die hier sind ungefähr dreimal so groß und erinnern an eine Kreuzung aus Ameise und Krabbe mit außergewöhnlich viel Willenskraft. Ich vermute, sie wohnen in der Nähe meines neuen Waschsalons, denn sie hatten den Drang, mich anzugreifen und zu beißen. Wenn sie sich erst einmal festgebissen haben, bekommt man sie kaum wieder los. Weil ich so viel Wäsche angestaut hatte, musste ich lange durchhalten und habe mir dabei ganze drei Bisse eingefangen.

Ich hoffe, dass meine Mitbewohner nicht allzu genau hingeschaut haben, denn während des Waschens habe ich einen durchaus einzigartigen Tanz aufgeführt, um die Viecher abzuwehren.

Wenn wir schon bei Viechern sind, kommen wir direkt zu meinem Lieblingsthema: dem Tarantelkrieg. Nach der letzten Opfergabe hat sich die Situation verschärft. Ich habe mich aber erinnert, dass mir meine Mutter Teebaumöl eingepackt hat, das gegen Taranteln helfen soll. Also habe ich mir am Sonntag eine Schale mit Wasser und Teebaumöl vorbereitet und mit einer Bürste das Gebräu um meine Tür und den Außenbereich verteilt.

Ich bin mir sicher, dass das nach außen hin aussah wie ein satanistisches Ritual – aber ich habe getan, was getan werden musste. Jedenfalls habe ich seitdem keine Tarantel mehr vor meiner Zimmertür gesehen – für mich ein reiner Erfolg.

Am Samstag war ich mit Vitus und Harper auf der Feria Americano und habe Klamotten geshoppt. Es war wirklich schön, einfach mal so zu bummeln, und ich habe auch das ein oder andere T-Shirt ergattert. Nicht zu leugnen ist, dass man uns dreien ansieht, dass wir keine waschechten Bolivianer sind. Wenn man uns dann auch noch reden hört, verfliegen wirklich alle Zweifel. Dadurch bin ich mir aber sehr sicher, dass wir auf jedem Markt den Touristenaufschlag bekommen – ich versuche, mich damit abzufinden.

Am Sonntag bin ich mit Sara und Samu zu den Alasitas gegangen. Die Alasitas erinnern an einen Jahrmarkt, nur gibt es dort super viele kleine Dinge, die hier Glücksbringer sind. Die Menschen kaufen sich kleine Dinge, die sie später einmal besitzen möchten (Geld, Autos, Häuser). Zusätzlich gibt es natürlich auch Essen und Fahrgeschäfte – wie auf einem Jahrmarkt. Ich habe mir noch nichts gekauft, aber ich verspreche, dass das nicht mein letzter Besuch war.

Die letzten Tage war ich in L2P und habe Kletterbaum für die Kinder gespielt. Gestern haben sie eine Schildkröte im Außenbereich entdeckt. So sehr ich mich auch gefreut habe, eine Schildkröte in freier Wildbahn zu sehen, umso mehr hatte ich Mitleid – denn diese Kinder sind wirklich nicht zu bändigen.

Ich bin jetzt auf dem Weg, um hoffentlich mein Visum abzuholen – also wünscht mir Glück! (Nicht wundern: Ich habe diesen Beitrag über zwei Tage geschrieben, deshalb die kleinen Ungereimtheiten.)

Bis ganz bald,
Malin

Neunter Eintrag, 19.10.25

Hi, Niklas hier, dieser Beitrag kam leider erst etwas später, da ich einige Tage unterwegs war. Viel Spaß beim lesen^^

Hallo ihr Lieben,

Ich hab das Gefühl, dass es eine Ewigkeit her ist, seitdem ich mich das letzte Mal gemeldet habe. Irgendwie habe ich angefangen, den Beitrag zu schreiben, und lange nicht weitergeschrieben.

So langsam komme ich mehr in so einen Alltagstrott. Wenn ich an meine letzte Woche denke, ist es mehr ein: „Ja, ich hab halt gearbeitet“ – und weniger detaillierte Erinnerungen an den Ablauf jedes Tages. Zumal ich ja eigentlich noch nicht so wirklich viel mitbekomme, weil ich immer noch zu meinem Sprachkurs gehen muss. Die Betonung liegt auf muss, weil meine Motivation wirklich schwindet. Ich muss immer 1 ½ Stunden hin für 1 ½ Stunden Unterricht (von dem ich einfach schon sehr viel kann – und das sage ich nicht aus Ego, sondern: Sechs Jahre Spanischunterricht müssen ja zumindest irgendwie hängen bleiben) – und danach darf ich noch 1 ½ Stunden zurückfahren. Ich bin also 4 ½ Stunden von meinem 8-Stunden-Arbeitstag unterwegs. Dazu kommt noch, dass ich mein Mittagessen im Projekt verpasse und mir dadurch nicht nur selbst Essen kaufen muss, sondern das natürlich auch nach dem Sprachkurs essen muss. Das gibt mir im Endeffekt 2 ½ Stunden Arbeitszeit in meinen Projekten – für einen Sprachkurs, auf den ich nicht explizit angewiesen bin. Ich führe das jetzt nicht weiter, aber ich denke, dass meine Spanischkursfrustration mit validen Argumenten belegt wurde.

Diese Woche war ich in Mi Rancho. Am Montag ist ein neuer Junge in Diluchi angekommen. Das ist für mich das erste Mal, dass ich mitbekomme, wie ein neues Kind ankommt und den Alltag und uns kennenlernt. Am Montag war er noch ganz schüchtern und stand ein wenig anteilnahmslos neben mir – und heute hat er erst mich durchgekitzelt und danach die Katze gejagt. Irgendwie freut es mich richtig, diesen Prozess miterleben zu dürfen.

Mi Rancho nimmt vielleicht an einem neuen Projekt teil, von dem ich euch nicht wirklich viel erzählen kann (wer mich kennt, weiß, dass das nicht aus Gründen der Geheimhaltung sein kann, sondern weil ich selbst nichts weiß). Die Dame, die überlegt, uns darin einzubinden, kam am Dienstag vorbei und hat sich Mi Rancho angesehen. Sie ist aus Österreich, hat aber frustrierenderweise kein Wort Deutsch mit mir gesprochen (!!!). Vor ihrem Besuch haben wir ordentlich geputzt (ich natürlich nur in meinen 2 ½ Stunden) und ich habe dadurch aber viel Neues über die Materialien gelernt, die Mi Rancho hat. Mi Rancho bezieht den Großteil davon aus Materialspenden, die sich in Grenzen halten, weil in Bolivien Spenden nicht so wirklich ein Ding sind. Das Projekt hat eine Partnerschaft mit einer Organisation in Spanien, die Diluchi fördert. Es gibt aber vier Häuser, und bei den Spenden geht es wohl auch nicht um Unsummen.

In den letzten Wochen habe ich immer mehr von den Geldproblemen von Mi Rancho mitbekommen. Zuerst darüber, dass Geld für Essen fehlt und Reis eigentlich die Hauptmahlzeit ist. Dann darüber, dass Juan keine neue Seife für die Jungs kaufen konnte (ein Verlust für uns alle – zum Glück ist jetzt gerade welche da) und zu guter Letzt, als ich bemerkt habe, dass die Dächer aller Häuser kaputt sind. Das bedeutet bei gutem Wetter zwar naturnahes Panoramafenster, bei schlechtem Wetter heißt das aber Indoorpool mit Deckenstückchen drin. So nah dran zu sein zerreißt mir richtig dolle das Herz.

Ich muss mich permanent davon abhalten, mein ganzes Geld zu spenden, weil ich weiß, dass das, was am meisten hilft, langfristige Förderungen sind – und ich da ja auch schon für ein Jahr gratis Arbeitskraft bin. Mein neues Projekt ist es ab sofort (ab dem Zeitpunkt, wo ich mehr als 2 ½ Stunden arbeite), nach möglichen deutschen Förderungen oder Organisationen zu suchen. Falls euch etwas einfällt oder ihr sogar Kontakte zu Organisationen habt, würde ich mich total freuen, wenn ihr euch bei mir melden könntet!

Und natürlich auch, wenn ihr Mi Rancho etwas spenden wollt. Ich will nur betonen, dass das überhaupt nicht im Rahmen meiner Erwartungen liegt. Ich bin euch unfassbar dankbar dafür, dass ihr mich und diese Reise unterstützt habt – und dadurch habt ihr ja auch schon Mi Rancho unterstützt. Deshalb ist das jetzt nicht der Beginn einer dieser Newsletter, die man abonniert, und dann wird man einmal die Woche gefragt, noch etwas zu kaufen. Es war mir nur ein Anliegen, euch von diesem Thema zu erzählen, weil es mich beschäftigt, aber auch, weil ich schon darauf angesprochen wurde, inwieweit man spenden kann.

Wenn wir gerade schon beim Thema Spenden sind, will ich euch hier ein paar Vergleiche geben, weil Euros hier viel mehr wert sind: Mit einem Euro kann man hier drei Stück Seife kaufen. Mit weniger als 60 € kann man hier sogar für das ganze Projekt für einen Monat Brot kaufen.

Wie euch vielleicht aufgefallen ist, passt meine Projektbeschreibung nicht komplett zu dem, was ich berichte, weil ich nicht mit 6- bis 10-Jährigen arbeite. Der Grund dafür ist, dass der Saal, der dafür in L2P genutzt wird, kaputt ist. Isa hat mir gesagt, dass die Reparatur ungefähr 5000 Bolivianos kostet, was etwa 350 € sind – 350 €, die Mi Rancho/L2P nicht hat. Ich hoffe wirklich, dass ich es über Förderungen und Organisationen langfristig schaffe, dafür zu sorgen, dass dieses Projekt die Unterstützung bekommt, die es verdient.

Ich weiß nicht, wie genau ich von diesem Geldthema einen geschmeidigen Übergang hinbekomme, also müsst ihr jetzt den holprigen nehmen.

Jedenfalls war diese Österreicherin da und hat sich das sehr, sehr ordentliche Mi Rancho angesehen. Obwohl wir nur Spanisch gesprochen haben (!!), habe ich erstaunlich viel verstanden. In letzter Zeit habe ich allgemein das Gefühl, mehr zu verstehen und auch mehr und selbstbewusster zu reden. Mir wurde auch schon zurückgemeldet, dass ich besser rede. Trotzdem ist es immer noch am schlimmsten, Kleinkinder oder Teenager von der Straße zu verstehen, da gerade sie am undeutlichsten reden (ich habe mir die richtige Zielgruppe ausgesucht!).

Am Donnerstag war ich in Santa Cruz und habe dort mit Sara mit den Leuten von der Straße gearbeitet. Auch da hatte ich das Gefühl, viel mehr mit ihnen interagieren zu können – gerade auch, weil ich eben nicht bei jedem Satz nachfragen muss und einfach mal eine Konversation haben kann. In Santa Cruz geht es bei der Arbeit nicht nur um die Kinder, wie in Cotoca, sondern um ganze Familien. Dabei sieht die Arbeit noch einmal ganz anders aus, weil man nicht nur spielt und malt, um Kindern Spielen näherzubringen und sie vielleicht auch abzulenken, sondern auch viel ums Zuhören. Natürlich war das bei mir ein bisschen weniger Zuhören, weil das Malen mit den Kindern für mich gerade noch leichter ist, aber ich war auch dabei und habe versucht zu verstehen, worüber geredet wird.

Die Leute sind alle sehr neugierig und fragen viel über mein Land und wie die Menschen dort sind. Ich glaube, man merkt auch erst so richtig, wie die Menschen sind, wenn man andere Menschen kennengelernt hat – aber einfach fällt mir diese Frage nie.

Nach dem Arbeiten in Santa Cruz war ich mit Sara auf einem Linoldruck-Markt. Das war wirklich richtig cool und ich habe direkt ein neues T-Shirt gekauft. Es könnte sein, dass wir da ein wenig ausgenommen wurden – ich denke, es ist aber am besten, wenn man weder mich noch Sara nochmal darauf anspricht.

Am Sonntag waren hier Wahlen. Ich weiß nicht genau, wie viel ihr darüber wisst. Vor meinem Flug waren hier auch schon Wahlen, und am Sonntag gab es eine Stichwahl zwischen zwei politisch eher konservativen Kandidaten. Die letzten 20 Jahre gab es eigentlich immer eine linksgerichtete Regierung. Die Menschen sind gerade sehr unzufrieden, was zum Teil auch an der hohen Inflation liegt. Also mal sehen, wie das alles die Tage ausgeht und wie die Bevölkerung auf die Wahlergebnisse reagiert. Wenn ihr noch konkretere Eindrücke oder Infos zu der aktuellen politischen Situation und den Ursachen und Auswirkungen auf die Menschen hier (und mich) wollt, könnt ihr euch gerne bei mir melden. Dann erkläre ich das Ganze im nächsten Eintrag ausführlicher!

Das Wochenende der Wahlen (auch Freitag) dürfen die Menschen sich nicht treffen und feiern, und am Sonntag gibt es keine öffentlichen Transportmittel und man darf das Haus nur zu Fuß verlassen.

Deshalb bin ich heute (Sonntag) auch ein bisschen gefangen in meinem Haus, habe aber den Nachmittag über mit den Jungs von Diluchi und Casa Grande „Exploding Capybara“ gespielt. Ich merke trotzdem, dass ich meine Wochenenden noch ein bisschen mehr füllen muss, weil ich sonst sehr vor mich hin gurke.

An der Essensfront kann ich berichten, dass ich das erste Licht am Ende des Tunnels erblickt habe. Meine Mitbewohner haben letzte Woche die allerleckerste Maracujamarmelade mitgebracht – und ich glaube, ich habe mich verliebt. Meinen Mitbewohnern muss es ähnlich gegangen sein, weil wir es zu viert geschafft haben, den ganzen Bottich in kürzester Zeit leer zu futtern (wenn ich Bottich sage, meine ich Bottich – seht es euch in den Fotos an!). Nach einem kurzen Moment der Trauer wurde schleunigst ein weiterer Bottich angeschafft, der hoffentlich diesmal ein wenig länger hält, weil wir gerade nicht in voller Kraft vertreten sind.

Paula und Samuel sind nämlich gerade im Urlaub mit ihren Müttern (ich will hier keine falschen Erwartungen von Müttern stärken) und kommen erst am Ende des Monats zurück. Das bedeutet, dass Sara und ich ganz viel Alleinzeit mit der Marmelade haben, wozu wirklich niemand Nein sagen wird. Die Marmelade gibt mir jedenfalls die Hoffnung, dass da noch ganz viel Essen darauf wartet, von mir entdeckt zu werden – und ich deshalb noch nicht in einen Futtertrotz verfallen muss.

Wenn wir gerade schon bei guten Nachrichten sind, möchte ich hiermit verkünden, dass ich seit dem Teebaumölritual keine einzige Tarantel mehr gesehen habe (WUHU). Was vielleicht auch zu 30 % daran liegt, dass die Tarantelzeit um ist – aber ich baue lieber darauf, dass ich irgendein Mittel habe, um wenigstens ein Fitzelchen Kontrolle über die Tiere hier zu haben.

An diesen Punkt kann ich perfekt anknüpfen, um unsere Gute-Nachrichten-Welle ein wenig abzulösen. Wenn wir jetzt die Tiere durchgehen, mit denen ich noch in Kontakt kommen könnte – gerade bei der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen –, fällt ziemlich schnell auf, dass mir eine Begegnung bisher erspart geblieben ist. Alle Eltern und Großeltern ahnen es schon: Ich hatte Läuse. So schön ich das hier auch schreiben kann, so unschön war die Begegnung. Ich glaube, meine Mitbewohner haben mich jetzt wirklich schon sehr oft wegen Tieren weinen sehen, aber die Läuse waren auf jeden Fall eine besonders intensive Erfahrung. Naja, rückblickend war das Ganze nach einem Anti-Läuse-Shampoo schon gleich viel weniger schlimm, aber ich hätte mir die Erfahrung trotzdem lieber erspart.

Am liebsten würde ich den Tierübergang jetzt nicht machen, aber ich teile ja alles mit euch. Vielleicht habe ich euch schon erzählt, dass wir in letzter Zeit Probleme mit unserer Wasserleitung hatten. Kürzlich haben wir ein Video bekommen, in dem aus unserem Wasserohr ganz viele Sachen gezogen wurden, die man ganz sicher nicht in seiner Wasserleitung haben will. Ich trinke hier aktuell noch kein Leitungswasser, weil da sehr, sehr viele Bakterien drin sind, benutze das Wasser aber natürlich zum Duschen und Zähneputzen.

Unser Wasser wird in einem Wassertank gestaut, der mit einer Plane abgedeckt ist. Was ich euch jetzt erzähle, ist womöglich nichts für schwache Nerven, also biete ich euch die Möglichkeit, zu dem nächsten Absatz zu springen. Vor Kurzem wurde herausgefunden, dass die Plane von unserem Wassertank weggeflogen ist. In dem Wasser wurde ein sehr großer, sehr toter Greifvogel gefunden, der schon verschiedene Verwesungsstadien durchlaufen hatte. Seitdem bin ich mir sehr, sehr sicher, dass ich nicht mehr auch nur daran denken werde, auf das Leitungswasser von hier umzusteigen. Außerdem denke ich an wirklich alle mit Wasser verbundenen Momente an diesen Vogel und muss meine Aktivitäten regelmäßig aufgrund von Bauchschmerzen abbrechen.

Hier beginnt der neue Absatz für alle, die sich das Grauen ersparen wollten: Die nächste Woche verbringe ich in L2P und in meiner letzten Woche Spanischkurs (juhu). Mal sehen, was so passiert – und ich halte euch auf jeden Fall auf dem Laufenden!

Fühlt euch gedrückt, wenn ihr wollt,

Liebe Grüße

Malin

Zehnter Eintrag, 03.11.25

Hallöchen ihr Lieben,

Keine Sorge, ich bin noch nicht verschollen – ich habe nur ein wenig auf mich warten lassen (tut mir ganz dolle leid!). Bei mir gab es in letzter Zeit ein bisschen Trubel um ein paar Dinge; ich berichte euch davon, wenn das Thema durch ist!

Letzte Woche war ich in Mi Rancho und habe am Montag (endlich!!!) meinen Spanischkurs abgeschlossen. Dadurch hatte ich endlich mal ein bisschen mehr Zeit im Projekt – die ich auf jeden Fall gebraucht habe! In letzter Zeit drehte sich viel um Halloween. Jeden Tag wurden Kostüme gebastelt, Dekorationspläne besprochen (es gab einen Deko-Wettbewerb zwischen den Häusern, den besonders die Kleinen seehhrr ernst genommen haben) und das Programm geplant.

Gestern war es dann soweit: Alle waren herausgeputzt und geschminkt, und danach sollten sie eine gruselige Schnitzeljagd mit Live-Schauspielern meistern (uns). Meine Aufgabe war es, eine der zwei Gruppen zu leiten – und ich würde sagen, der Fakt, dass alle Kinder heile wieder hinausgekommen sind, wird erstmal als Erfolg angesehen!

Des Weiteren arbeite ich noch an der *Wirkungsweise meiner Autorität* (mit anderen Worten: ich habe gar nichts zu melden).

Mir ist im Allgemeinen aufgefallen, dass die Kinder mich noch nicht so wirklich ernst nehmen oder respektieren. Ich meine das jetzt nicht im Sinne einer Beziehung, in der die Kinder mir die Hand schütteln. Die Jungs wollen primär ganz viel kuscheln und Aufmerksamkeit, also weniger Hände schütteln. Was ich eher meine, ist das Thema Grenzen respektieren. So gerne ich auch mit ihnen spiele und tobe – es gibt Momente, in denen ich gerade keine Zeit oder Kapazitäten für ständigen Körperkontakt und Spiele habe. Das ist etwas, was den Jungs sehr schwerfällt, ernst zu nehmen. Ich musste in letzter Zeit immer ernster und deutlicher Grenzen setzen, weil ich das Gefühl hatte, sonst unterzugehen. Ich denke, so ein Grenzen-Setzen ist auch eine tolle Lektion für mich – trotzdem ist es sehr anstrengend, jeden Tag darum kämpfen zu müssen, respektiert zu werden.

Gleichzeitig habe ich hier aber auch sehr schöne Situationen, in denen ich eine Bindung zu den Jungs aufbaue und mich daran erinnere, wieso ich dieses Jahr machen wollte. Ich erzähle euch von meinen zwei gestrigen Highlights:

*Nr. 1:* Es gibt einen Jungen, der zu sehr gewalttätigen Wutausbrüchen neigt, zu dem ich bisher ein sehr distanziertes Verhältnis hatte (von meiner Seite aus sehr viel Respekt vor seinen Ausbrüchen). Er hat mich gestern vor dem Horrorfilm beschützt. Ich mag keine Gruselfilme und habe in die andere Richtung geschaut und mich unterhalten. Immer wenn eine besonders gruselige Szene kam, lautete es neben mir: „Jetzt nicht gucken, nicht gucken!“ (Er ist 9 Jahre alt – es war zuckersüß.)

*Nr. 2:* Ein anderer Junge hat während des Pizzaessens gefragt, warum ich denn nichts auf meiner Pizza hätte. Nachdem ich ihm erklärt habe, dass ich Vegetarierin bin und entsprechend kein Fleisch esse, hat er mit seinen Händen all das Fleisch von seiner (sehr heißen) Pizza gepickt und auf die Teller anderer Kinder gelegt. Als ich nachgefragt habe, wieso, kam als Antwort: „Ich bin jetzt auch Vegetarier.“

Das sind meine gestrigen Highlights, und ich habe darauf gebrannt, euch davon zu erzählen.

Heute bin ich ganz fleißig am Backen und Kochen und habe unter anderem Apfelmus gemacht, um meine Mitbewohner in die Köstlichkeiten des Grießbreis einzuweihen. Ich vermisse Grießbrei wirklich sehr und freue mich schon den ganzen Tag auf mein Wohlfühlgericht!

Im Allgemeinen würde ich aber sagen, dass ich hier mehr koche und mehr versuche, Sachen aus meinem deutschen Alltag zuzubereiten – obwohl es immer komisch ist, nur für sich selbst zu kochen. Letztens habe ich mit Sara zusammen Gnocchi selbst gemacht und dazu eine Pilzrahmsoße gegessen. Beim dazugehörigen Einkauf ist mir zu meinem Schrecken aufgefallen, dass ich in diesem Land noch keinen einzigen Parmesan gefunden habe. Ich möchte das nicht so sehr aufs Land beziehen, aber wenn sich mir nicht bald das Gegenteil beweist, bin ich wirklich sehr empört!

Mir erschließt sich nicht, wie ich hier ordentlich kochen soll, ohne sündhaft übertriebene Mengen Parmesan. Dementsprechend hoffe ich sehr (für das Land Bolivien), dass sich mir bald ein Parmesanlädchen eröffnet – sonst muss ich wirklich sehr, sehr schlechte Rezensionen hinterlassen!

Spaß beiseite: Ich freue mich ganz dolle, wenn mich Niklas besuchen kommt, weil ich ihn zwingen werde, mir Unmengen von diesem tollen Zauberwerk mitzubringen. Das war auf jeden Fall mein Essens-Downlight, aber um unsere Stimmung nicht allzu sehr zu trüben, erzähle ich euch jetzt noch von meinem Essens-Highlight (leider nicht aus Bolivien).

Paula hat in ihrem Urlaub ihre Schwester in Argentinien besucht und von ihrer Reise Alfajores mitgebracht. Wenn ich euch sage, dass ich noch nie in meinem Leben so etwas Tolles gegessen habe, dann könnte das stimmen – oder aber an meinem Parmesanentzug liegen.

Für alle, die Alfajores nicht kennen: Ein Alfajor ist quasi zwei sehr weiche Kekse, zwischen denen eine superleckere Creme de leche (Karamell) ist. Dieses Sandwich der Götter ist umgeben von Schokolade. Das klingt sehr süß – war es vermutlich auch – aber für mich war es genau richtig! Falls ihr euch unter meiner einzigartigen Beschreibung nichts vorstellen könnt, empfehle ich Google. Ich habe aber schon nachgeschaut, und es gibt Alfajores auch bei Amazon (die beste Marke ist Havanna).

Am letzten Wochenende wollte ich eigentlich mit meiner Organisation eine Wüstenwanderung machen, aber leider bin ich mit Magen- und Darmproblemen aufgewacht. Rückblickend war es wohl nur eine Frage der Zeit, bis mir hier irgendwas mal auf den Magen schlägt – aber na gut. Nach zwei Tagen ging es mir schon wieder besser, aber an der Wanderung konnte ich trotzdem nicht teilnehmen. Ich wurde jedoch mit einem Hauch Schadenfreude erfüllt, als ich am folgenden Montag den Sonnenbrand der anderen bestaunen durfte.

Die Lomas de Arena – so heißt dieser Wüstenbereich – werde ich aber an einem anderen (vielleicht weniger sonnigen) Tag besichtigen und euch dann natürlich ganz ausführlich mitnehmen.

Diese Woche kommen nicht so viele Fotos. Wie euch vielleicht schon aufgefallen ist, habe ich in Mi Rancho noch wenige Fotos präsentiert. Das liegt primär daran, dass ich die Gesichter der Jungs nicht zeigen kann und auch sonst nicht wusste, wie viel von alltäglichem Drama ich hier aus Datenschutzgründen so besprechen darf. Das mit dem Drama weiß ich immer noch nicht so genau, aber ich werde jetzt ein paar erste Verpixel-Versuche starten – die ihr hoffentlich nicht zu sehr hinterfragt.

Ich mache mich jetzt mal ans Verpixeln und danach an den Grießbrei.

*Fühlt euch gedrückt, wenn ihr mögt.*

Liebe Grüße

Malin

Elfter Eintrag, 04.12.25

Hallöchen ihr Lieben,

keine Sorge, ich bin noch nicht verstorben oder von einer Schlange verspeist worden. Der Großteil von euch weiß es vermutlich auch schon, aber ich war die letzten Wochen in Deutschland. Der Trubel, von dem ich in meinem letzten Beitrag geschrieben habe, war in Wirklichkeit ein Zahnarztbesuch, bei dem wir feststellen durften, dass meine Weisheitszähne ganz dringend rausoperiert werden müssen. Meinen Zahnarztbesuch hatte ich in einem Krankenhaus, weil es keine einzelnen Arztpraxen gibt und man üblicherweise mit allen Beschwerden ins Krankenhaus geht. Das nimmt zum Glück diese permanente Angst, unberechtigt im Krankenhaus aufzutauchen.

Meine Ärztin heißt Dr. Katrin (das ist ihr Vorname) und ist wirklich super süß. Sie konnte sogar ein wenig Deutsch sprechen. Zahlen musste ich für den Termin auch nicht, dafür soll ich ihr lieber deutsche Schokolade mitbringen. Als Frau Dr. Katrin mich röntgen lassen wollte, musste ich erstmal zu Fuß 2 km in eine andere Röntgenpraxis laufen und anschließend meine Ergebnisse zurückbringen (natürlich alles ohne Termin, ich bin durchgedreht). Schnell wurde festgestellt, dass ich nicht ewig auf die Operation warten sollte und sie relativ zeitnah in Angriff nehmen muss.

Jedenfalls musste ich daraufhin erst einmal ordentlich abwägen, ob ich diese Operation nun in Bolivien oder in Deutschland machen will (ihr wisst ja schon, wie das ausgegangen ist). Ich will nur betonen, dass ich weiß, dass ich auch in Bolivien die Möglichkeit auf eine super Operation bei super Ärzten gehabt hätte. Für mich war im Endeffekt ausschlaggebend, dass ich in Bolivien niemanden hatte, der sich um mich kümmern konnte, und natürlich auch nicht die super hygienischen Bedingungen in meiner Unterkunft herrschen.

Von meinem Aufenthalt in Deutschland will ich euch jetzt nicht allzu viel erzählen, aber ich werde euch noch ein schickes Foto von mir zur Verfügung stellen. Außerdem dürft ihr bestaunen, wie mich Niklas sehr sorgfältig entlaust (viel Spaß!).

Die Operation lief auf jeden Fall verhältnismäßig gut, leider habe ich mir am Anfang noch eine fiese Racheninfektion eingefangen, weshalb ich gepaart mit der OP im Endeffekt bestimmt 2 1/2 Wochen flach lag. Deshalb bitte ich um Nachsicht bei allen, auf deren Türschwelle ich nicht auftauchen konnte. Ich bin gerade auf dem Rückflug. Auf meinem Hinflug war ich insgesamt 40 Stunden unterwegs und habe mich auf meiner Reise mit meinem Taxifahrer Reny (der holt mich auch gleich ab) und meinem mexikanischen Sitznachbarn Fernando angefreundet. Auch wenn die 40 Stunden im Allgemeinen gar nicht so schlimm waren, möchte ich euch ganz liebevoll den Tipp geben, niemals über Mexiko zu fliegen (tut mir leid, Fernando!).

Ich weiß noch nicht viel über die aktuelle Lage in meinem Projekt, aber ich hoffe, dass dort alles in Ordnung ist.

habe, um ehrlich zu sein, auch ein wenig Bammel, weil ich weiß, dass einige der Jungs sehr starke Probleme damit haben, „verlassen zu werden“, und dann auf ihre eigene Art und Weise damit umgehen. Meine Mitbewohnerin wurde zu Teilen ignoriert, als sie aus ihrem Urlaub aus Argentinien wiederkam. Als ich gegangen bin, haben sie sich zumindest nicht anmerken lassen, dass ihnen etwas an mir liegt. Nachdem ich es gewagt hatte, ihr heiliges Fußballspiel zu unterbrechen, wurde ich mit den Worten „Kannst du nicht einfach in Deutschland bleiben?“ verabschiedet (Teenager sind böse). Naja, ich rede mir jedenfalls ein, dass sie mich superlieb haben und ich nichts zu befürchten habe. Zumindest hat mir einer der Jungs geschrieben, dass er es vermisst, mich zu nerven, und ich denke mir: Wenn das kein Liebesgeständnis ist, was dann?

Bald ist Weihnachten, und ich muss zugeben, dass es mir sehr schwer fällt, so kurz vor den Festtagen wieder wegzufahren. Mein Lichtblick ist, dass mich Niklas über Weihnachten und Neujahr besucht und ich somit nicht alleine bin. Obwohl ich vermutlich das größte Weihnachten meiner sportlichen (fast) 20 Lebensjahre haben werde. Schließlich feiere ich dieses Jahr mit allen Jungs und den anderen Freiwilligen und kriege dadurch flotte Eindrücke in das Weihnachten einer Großfamilie. Ich werde in meinem Herzen trotzdem ein bisschen den deutschen Weihnachtszauber vermissen. Zumindest habe ich aber Schnee gesehen und einen Weihnachtsmarkt besucht, womit ich quasi schon wieder den Großteil meines Weihnachtszaubers eingefangen habe.

In Mi Rancho stehen einige riesige Mangobäume. Mir wurde gesagt, dass die Jungs dazu neigen, die Mangos vom Baum zu klauen, wenn sie nur halbreif sind. So sehr ich hier in meinem Flieger auch bete, dass sie mir vielleicht eine Mango überlassen, habe ich ernsthafte Zweifel an ihrer Nächstenliebe mir gegenüber. Aber wer weiß, vielleicht überkommt sie ja ein Weihnachtszauber und ich bekomme einen Bissen ab.

Das vermutlich Tollste an meinem kleinen Ausflug hier ist, dass ich einen sehr leeren Koffer mit nach Deutschland bringen konnte, der jetzt das Flugzeug zu einer Seite kippen lässt. Ich habe es mir nämlich nicht nehmen lassen, meinen Koffer randvoll mit Essen zu füllen. Neben sagenumwobenen drei Parmesankäsen verwöhne ich mich außerdem mit riesigen Gummistiefeln, einem Sparschäler und Schafskäsegewürz bis zum Abwinken.

Außerdem habe ich mich ordentlich mit deutschen Süßigkeiten eingedeckt, weil ich plane, den Jungs kleine deutsche Weihnachtstüten zu machen.

Ich werde mich jetzt weiter dem Still­sitzen und auf die Uhr Starren widmen und hoffe, dass ihr euren Weihnachtszauber ordentlich genießen könnt!

Liebe Grüße

Malin

Zwölfter Eintrag, 17.12.25

Hallöchen ihr Lieben,

Dieser Eintrag kommt superdolle verspätet, weil Niklas da war, um mich zu besuchen, und ich zeitgleich keine Einträge für euch hochladen konnte. Außerdem sind ein paar unschöne Dinge passiert, von denen ich euch in meinem nächsten Eintrag erzähle (also können alle Ungeduldigen von euch auch vorspulen!).

Vier Zähne leichter bin ich nun wieder in Bolivien. Das Wichtigste zuerst: Die Jungs haben noch nicht alle Mangos aufgegessen! Ich konnte neben Mangos noch zwei andere Früchte probieren, die auf dem Gelände von mi Rancho wachsen: Ocoro und Achachairu. Beide sind orange-gelblich und schmecken relativ säuerlich.

Ich fange an, euch von der Achachairu zu berichten, weil die Ocoro mein Favorit ist (man muss sich ja steigern können). Die Achachairu sieht aus wie die Cousine zweiten Grades einer Orange und ist dabei um einiges kleiner und glatter. Um sie zu öffnen, nimmt man eine Hälfte in den Mund und beißt leicht zu, um eine Sollbruchstelle zu verursachen, und nimmt danach den „Deckel“ ab. Innen ist ein weißes Fruchtfleisch, das bei den Profiöffnern natürlich kreisrund ist. Das Fruchtfleisch saugt man heraus und nuckelt so lange daran herum, bis nur noch der Kern bleibt, den man dann wieder ausspuckt. Der Geschmack ist wirklich sehr sauer, aber trotzdem sehr lecker.

Da ihr hier ja nicht nur irgendeinen supertollen Blog abonniert habt, habe ich für euch natürlich keine Kosten und Mühen gespart und über meine journalistischen Geheimquellen (Google) herausgefunden, dass Achachairu oft mit Limonade, Mandarine, Grapefruit oder Litschi verglichen wird. Leider fehlt mir der erweiterte Horizont, um beurteilen zu können, ob das stimmt, aber ich wollte euch diese Information nicht vorenthalten.

Jetzt kommen wir mit einem pompösen Trommelwirbel zu meinem Spitzenreiter auf der Liste bolivianischer Früchte (ich kenne zwei) – deeeerrrr Ocorooo!!

Die Ocoro tarnt sich von außen ein wenig als unreife Litschi. Sie ist stachelig und gelb und sieht im Allgemeinen einfach viel cooler aus als die Achachairu (ha, nimm das!). Weil man die ganzen Stacheln natürlich nicht im Mund haben will, bricht man sie mit der Hand auf und saut sich dabei mit einer 87-prozentigen Wahrscheinlichkeit die Hände ein. Innen drin ist wieder ein weißes, ein wenig imperfekt geformtes Fruchtfleisch. Auch dieses nimmt man in den Mund und spuckt die Kerne aus. Der Geschmack ist im Vergleich zur Achachairu weniger säuerlich, dafür aber intensiver (eine liebevolle Umschreibung dafür, dass ich sie leckerer finde).

Mein investigativer Journalismus hat ergeben, dass der Geschmack vergleichbar mit Mango, Ananas und Zitrone sei. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendwer mit dieser Beschreibung wirklich etwas anfangen kann, aber na ja. Leider wurde im Kontext des Früchtessens von den Jungs entdeckt, dass meine sehr deutsche Aussprache des Wortes „Fruta“ (Frucht) sehr ähnlich wie ein sehr beliebtes Schimpfwort der Jungs klingt. Dadurch wurde ich in den letzten Wochen oft gefragt, ob wir Früchte pflücken wollen – nur damit die Jungs meiner miserablen Aussprache lauschen konnten (das bedeutet trotzdem gaaaanz viel Ocoro für mich!!).

Jedenfalls habe ich die ersten anderthalb Wochen nach meiner Ankunft in mi Rancho gearbeitet (und viele Früchte gefuttert). Dabei habe ich eher administrativ gearbeitet, viele Fotos von unseren kaputten Dächern gemacht und mich über mögliche Förderungen informiert. Gleichzeitig muss ich zugeben, dass ein Großteil meiner Zeit auch für Zankereien mit meinem Laptop draufgegangen ist – auch wenn ich mich schon sehr zurückgehalten habe, weil ich natürlich auch Respekt vor den älteren Herrschaften unserer Gesellschaft habe. Mittlerweile haben wir uns wieder vertragen, aber ihm fehlte einfach die Motivation zu arbeiten.

Weil diese Motivation fehlte, durften wir uns ein wenig Urlaub nehmen und sind für drei Tage nach La Paz gefahren, weil uns die deutsche Botschaft eingeladen hat. Auch wenn die Busfahrten vermutlich länger gedauert haben als der Aufenthalt selbst (18 Stunden pro Strecke), würde ich sagen, dass sich der Ausflug auf jeden Fall gelohnt hat. Ich habe viele, viele Freiwillige kennengelernt und auch über ihre Projekte und Wohnsituationen erfahren. Dabei habe ich bemerkt, dass Zimmer mit Kakerlaken und Skorpionen zu teilen überhaupt nicht der Norm entspricht. Auch einige Schwierigkeiten, mit denen ich in meinem Projekt konfrontiert bin, sind für andere Freiwillige total absurd gewesen. Es tat an dem Tag sehr gut, sich selbst und die eigene Situation einmal spiegeln zu können.

Bei dem Treffen haben wir nicht nur viel Zeit zum Austausch bekommen, sondern wurden auch über die Arbeit der deutschen Botschaft aufgeklärt (ich möchte jetzt Mitarbeiterin der deutschen Botschaft werden). Gleichzeitig haben wir einen kleinen Einblick in die Zusammenarbeit mit der bolivianischen Regierung bekommen, und die Rückmeldung der Mitarbeitenden war, dass die neue Regierung unter *Rodrigo Paz (dem neuen Präsidenten)* viel kommunikativer sei.

Und weil wir uns vorher noch nicht gesprochen haben, hatte ich noch gar nicht die Möglichkeit, euch zu erzählen, dass Paz gewonnen hat. Die Menschen, mit denen ich darüber gesprochen habe, waren alle ein wenig gleichgültig. In den ersten Wochen nach Amtsantritt hat er die Spritpreise subventioniert (wir erinnern uns, dass vorher tagelang an den Tankstellen angestanden wurde). Außerdem hat er im Allgemeinen die durch die Inflation angestiegenen Preise gesenkt und dadurch für große Entlastung in der Bevölkerung gesorgt. Am 17.12. hat er allerdings die Subventionen abgeschafft, und die Spritpreise haben sich von einem Tag auf den anderen verdoppelt.

Die Menschen waren sehr aufgewühlt, und die Micros haben angefangen zu streiken. Nach dem Streik mussten die Micros ihre Preise um 50 % erhöhen und liegen nun bei 6 Bolivianos von Cotoca nach Santa Cruz. Dass ein solcher Anstieg beim günstigsten öffentlichen Verkehrsmittel die Bevölkerung schwer trifft, ist, glaube ich, offensichtlich. Die Meinungen der Menschen, mit denen ich gesprochen habe, gehen sehr auseinander: Einige sagen, dass er genau das tut, was er bereits vor Amtsantritt versprochen hat, andere fühlen sich hintergangen. In La Paz gibt es seit einigen Wochen umfangreiche Proteste wegen der gestrichenen Subventionen der Spritpreise.

In Santa Cruz hingegen ist es ruhiger, nur ein paar Straßenblockaden. Die habe ich allerdings erst bemerkt, als ich für eine halbe Woche im Kindergarten war. Kurz vor Weihnachten war die Abschiedsfeier der Kinder – besonders derer, die nach den Ferien in die Grundschule gehen. Die Kinder haben dafür jeden Tag ihre Tänze geübt und sich vorbereitet. Am Tag der Aufführung habe ich bei den Vorbereitungen geholfen. Unter anderem habe ich auch Frisuren gemacht und bin dabei wirklich kläglich gescheitert. Es haben noch weitere Mütter bei den Frisuren geholfen. Jedes Mal, wenn ich mit einem „auf halb acht“ hängenden Zöpflein zu ihnen kam und fragte, ob das so ginge, verkniffen sie sich ihr Lachen und nannten es perfekt (die Bolivianer müssen ein wenig ehrlicher sein).

Schlimmer war noch, dass die Kinder dann auch so getanzt haben, und ich mich dabei in Grund und Boden geschämt habe. Zum Glück hatte ich dafür aber nicht unendlich viel Zeit, weil die Kinder aus der mittleren Gruppe derartig Krawall gemacht haben, dass ich vermutlich den Großteil der Aufführung mit einem Schreikind in einem Abstellraum saß, in der Hoffnung, dass er sich ein wenig beruhigt (hat er nicht). Er hat wirklich so laut geschrien, dass ich mir sicher bin, dass wir beide langfristige Schäden davon tragen. Ich glaube, das war der einzige Tag, an dem ich wirklich sehr ernsthaft daran gezweifelt habe, ob Mutterwerden doch so ein guter Plan ist.

Trotzdem war es wirklich sehr zauberhaft, als die Kinder mit ihren Eltern den roten Teppich entlanggestolpert sind und dann noch ihre Urkunde bekommen haben.

Hiermit beende ich jetzt den ersten der beiden Einträge, denn am nächsten Tag kam Niklas, und ab da mache ich mal einen kleinen Schnitt.

Ganz liebe Grüße und eine Umarmung

Bis gleich (in diesem Fall wirklich)

Malin

13. Eintrag, 26.01.26

Hallöchen ihr Lieben, da bin ich auch schon wieder!

Gerade sind wir zeitlich am 18. Dezember, aber ich möchte euch vorher noch ganz kurz von drei Dingen erzählen, die davor passiert sind und die ich bisher vergessen hatte.

Zum einen hatte einer der Jungs seine Abschlusszeremonie in der Schule. Dabei wird jede Person auf dem Weg zum Pult, um das Zeugnis abzuholen, von jemandem begleitet. Und dieser Junge hat mich gefragt, ob ich ihn begleiten möchte. AHHH! Ich war unglaublich glücklich und hatte das Gefühl, dass ich in diesem Job zumindest irgendetwas richtig mache.

Mitte Dezember haben außerdem die Sommerferien der Jungs begonnen. Zu ihrem Start haben sie in der Schule Tänze aufgeführt. Das konnte ich mir selbstverständlich nicht entgehen lassen und habe ganz verzaubert zugeschaut, wie alle Jungs mit ihren Kursen etwas präsentiert haben.

Die dritte Sache ist eine Tradition in Santa Cruz, an der ich teilnehmen durfte. Wie ihr ja wisst, ist mein Nachbarort Cotoca, und die Menschen dort glauben an die Jungfrau von Cotoca. Einmal im Jahr gehen „alle" - auf jeden Fall riesige Menschenmassen - von Santa Cruz nach Cotoca. Dort ist dann alles wie ein riesiger Jahrmarkt. Traditionell geht man in die Kirche, zündet eine Kerze für die Jungfrau an und wünscht sich etwas, das sie dann erfüllen soll. Wir haben diese Tradition mit den Jungs gemacht - nur, dass wir ein wenig abgekürzt haben und statt von Santa Cruz von unserem Haus aus losgegangen sind (aber pssst). Es war auf jeden Fall ein richtig cooler Tag, und die Jungs hatten besonders viel Spaß bei den ganzen Spielen und haben dabei ihr gesamtes Taschengeld verprasst.

So, und jetzt sind wir bei Niklas' Ankunft am 18. Dezember. An diesem Tag ist etwas sehr Schönes und etwas weniger Schönes passiert. Niklas ist früh am Morgen angekommen, und meine Mitbewohnerin Sara ist ein wenig später nach Spanien geflogen. Entsprechend war seine Ankunft von der Trauer über Saras Abreise überschattet. Trotzdem hatten wir direkt einen sehr vollen Tag. Niklas hat nach und nach die Jungs kennengelernt, und in den folgenden drei Wochen haben sie sich wirklich gut verstanden. Später sind wir nach Cotoca gefahren und haben Sonso und Cufiapé gegessen. Natürlich fand Niklas meinen Cufiapé (Yuca-Teig mit frittiertem Käse) viel besser als seinen Sonso (Käse um einen Stock mit Yuca-Teig herum) und hat mir direkt die Hälfte geklaut - ist das zu fassen?

Damit hatte er an seinem ersten Tag bereits einen großen Teil des Streetfoods kennengelernt. Ich beichte allerdings schon mal, dass wir uns danach nicht weiter durchprobiert haben. Wir sind an diesem ersten Tag auch direkt mit dem Motorrad zurückgefahren. Mittlerweile bin ich daran schon ziemlich gewöhnt. Am 18. Dezember hatten nämlich die Micros angefangen zu streiken, und wir mussten auf andere Verkehrsmittel ausweichen. Wir sind außerdem gemeinsam zu L2P gefahren. Da die Kinder dort aber schon ab dem 17. Ferien hatten, konnte ich ihm nur die Mitarbeiterinnen vorstellen, und wir haben gemeinsam auf dem Gelände Achachairu gepflückt.

Mein Geburtstag war am Folgetag, und auch da war ich sehr froh, dass Niklas da war. Die Mi-Rancho-Truppe hatte meinen Geburtstag in der ersten Tageshälfte vergessen, und selbst als es ihnen bewusst wurde, war der Geburtstag einer Freiwilligen nicht wirklich das Event des Jahres. Darauf war ich allerdings schon eingestellt, und so konnte ich den Tag trotzdem ein wenig mit Niklas feiern. Viel unternehmen konnten wir an diesem Tag leider nicht, da die Menschen begonnen hatten, Straßen zu blockieren, um gegen die steigenden Gaspreise zu protestieren. Ich bin grundsätzlich sehr für solche Proteste - sie hätten sich nur gern einen anderen Tag dafür aussuchen können.

In den darauffolgenden Tagen habe ich dann IA-Touri-Programm mit Niklas gemacht: Zentrum, viel unterwegs sein und ganz viel auswärts essen - wie sich das eben gehört.

Am 23. Dezember waren wir gemeinsam mit Paula (meiner Mitbewohnerin) und Juan (dem Koordinator) auf einem sehr großen Markt, um Weihnachtsgeschenke für die Jungs zu kaufen. Ich muss zugeben, dass ich trotz meiner inzwischen drei Monate Erfahrung in diesem Land einen kleinen Kulturschock bekommen habe, als wir uns durch die Gänge gequetscht haben. Ich möchte mir gar nicht vorstellen, wie es Niklas ging. Es war alles voller Menschen und Stände. Besonders anstrengend fand ich, dass die Verkäufer*innen permanent laut gerufen haben, was sie einem alles anbieten können. Außerdem war es völlig egal, in welche Richtung man gegangen ist dieser Markt schien einfach nicht aufzuhören. Ich habe also inständig gehofft, Juan nicht zu verlieren, denn mit Labyrinthen hatte ich noch nie ein gutes Verhältnis.

Mit den im Labyrinth gekauften Geschenken sind wir dann direkt Richtung Weihnachten (24.) gepurzelt. Bevor es an die Bescherung ging, haben wir alle gemeinsam gegessen. Einige Jungs haben noch ein paar Worte gesagt, anschließend wurde ein Gebet gesprochen, und dann begann die Bescherung. Samuel war der Weihnachtsmann und hat jedem Jungen ein Geschenk von seiner Wunschliste überreicht. Zusätzlich wurde gewichtelt: Jeder Erwachsene hatte ein Kind gezogen - und umgekehrt. Für alle, die sich an dieser Stelle fragen, wie das funktionieren konnte: Ich hatte dieselbe Frage, aber irgendwie muss es geklappt haben.

Ich habe einem Jungen Kopfhörer geschenkt und dabei wirklich sehr kämpfen müssen, um das Preislimit von 5 Euro einzuhalten. Gleichzeitig hat mir der älteste Junge, der eine geistige Behinderung hat, ein sehr pinkes Herzkissen geschenkt, in das ein Bärenkopf eingearbeitet ist. Ich wusste davon allerdings schon, da er mir etwa eine Woche vorher erzählt hatte, dass er mich gezogen hat und was er mir schenken würde.

Als er mir das Geschenk übergab, erklärte er mir, dass ich es jetzt schon annehmen müsse, weil ich es sonst nie bekommen würde, falls er vor Weihnachten sterben sollte. Er ist nicht suizidal - so denkt er einfach. Trotzdem hat mich dieser Moment erst einmal sehr erschreckt. Nach dem Wichteln haben Niklas und ich noch kleine Süßigkeitentütchen vorbereitet, gefüllt mit deutschen Süßigkeiten. Wir haben versucht, typische deutsche Kindheitssüßigkeiten auszuwählen, und für jeden eine kleine Karte bemalt. Dafür, dass es Teenager sind, war die Reaktion überraschend positiv. Einige kamen sogar zu uns, um zu fragen, wie man „gracias" auf Deutsch sagt.

Am nächsten Morgen war der offizielle Weihnachtstag. Wir haben uns getroffen und gemeinsam selbstgemachte Empanadas und Kakao gegessen. Niklas musste dabei leider aussetzen, da ihm das Essen vom Vorabend sehr zugesetzt hatte. Obwohl die Nacht für ihn schlimm war, ging es ihm am Nachmittag schon wieder besser, und wir sind noch einmal nach Santa Cruz gefahren. Auf dem Rückweg erhielt ich einen Anruf mit sehr schlechten Nachrichten. Hinweis: Der folgende Abschnitt beschreibt einen Unfall, der verstörend sein kann.

Einer der Jungs hat eine geistige und körperliche Behinderung. Die anderen Jungs ärgern ihn oft oder ziehen ihn auf. Auch an Weihnachten war das der Fall. Die Jungs spielten mit Böllern. Sie zeigten ihm zunächst einen kleinen Böller und boten ihm Geld an, wenn er ihn werfen würde. Stattdessen gaben sie ihm jedoch einen großen, zündeten ihn für ihn an, und der Junge konnte ihn nicht rechtzeitig wegwerfen. Der Böller explodierte in seiner Hand, wodurch er den Zeigefinger der Hand verlor, über die er zuvor noch volle Kontrolle hatte.

Hier geht es für alle weiter, die den Abschnitt übersprungen haben: Ein Junge hat bei einem Unfall seinen Finger verloren. Niklas und ich sind so schnell wie möglich ins Krankenhaus gefahren und haben dort gewartet, bis er aus der Operation kam. Da er seine andere Hand ebenfalls nicht nutzen konnte, musste ständig jemand bei ihm sein, um ihm zu helfen. Niklas und ich haben eine Nacht bei ihm im Zimmer auf dem Boden geschlafen.

Zehn Tage später wurde er entlassen und ist inzwischen wieder in Mi Rancho. Mit dieser Situation umzugehen ist sehr schwierig. Die Jungs, die in den Unfall verwickelt waren, haben sich überhaupt nicht angemessen verhalten und werden Konsequenzen erfahren. Gleichzeitig ist es mir wichtig zu betonen, dass auch sie in vielerlei Hinsicht Opfer des Systems sind und eine schwierige Kindheit sowie belastende Erfahrungen oft die Grundlage für solches Verhalten bilden.

Da ich nicht genau weiß, wie ich von diesem Thema zum nächsten übergehen soll, mache ich nun einfach weiter - leider sind wir mit den schlechten Ereignissen noch nicht am Ende.

Am 28. Dezember wollten Niklas und ich nach Santa Cruz fahren, um Geld zu wechseln. Wie ihr wisst, ist es hier sinnvoll, Euro zu haben und auf einen guten Wechselkurs zu warten. Deshalb hatte ich das Taschengeld, das mir der ICJA monatlich zahlt (1 00 Euro), für mein Jahr in bar mitgenommen. Auch Niklas hatte Bargeld dabei.

Als wir unser Geld holen wollten, stellten wir fest, dass uns einiges fehlte: Mir fehlte mein gesamtes Geld, und Niklas fehlten 200 Euro. Nach Polizeibesuchen, Gesprächen mit den Jungs und dem ersten Schock stellte sich heraus, dass ein Junge aus Mi Rancho regelmäßig in mein Zimmer eingebrochen war und mir nach und nach Geld gestohlen hatte, damit ich es nicht sofort bemerke. Er gab an, das Geld bereits ausgegeben zu haben und nichts zurückzahlen zu können.

Ich hatte aus Deutschland Spenden für Mi Rancho mitgebracht, die der Junge glücklicherweise nicht angerührt hatte. Unter Vorbehalt habe ich davon zunächst Geld von meinem Projekt erhalten. Ich habe sehr lange an diesem Beitrag geschrieben, und wie man sieht, lag das nicht daran, dass ich ein lyrisches Meisterwerk produzieren wollte. Mir fällt es sehr schwer, über all das zu berichten, da einige der Ereignisse Klischees bestätigen, von denen wir uns eigentlich ja alle bewusst distanzieren möchten. Gerade deshalb ist es mir wichtig, das so offen zu benennen, damit hier richtig eingeordnet werden kann.

Ich bin deutlich getroffen - sowohl vom Unfall als auch vom Diebstahl - und weiß gerade nicht genau, was der beste nächste Schritt ist. Es gibt keine realistische Aussicht darauf, das Geld zurückzubekommen. Zusätzlich hat sich herausgestellt, dass meine Organisation (ICYE Bolivia) bereits vor meiner Ankunft von meinen Mitbewohnerinnen mehrfach auf das unsichere Türschloss hingewiesen wurde. Das Schloss war kaputt, es gab lediglich ein Vorhängeschloss, und mit wenigen Handgriffen konnte man in meinem Zimmer stehen. Dennoch sieht sich die Organisation nicht in der Verantwortung, mir das Geld zu ersetzen. Aktuell besteht die Möglichkeit, dass ich von meinem Projekt einen kleinen monatlichen Betrag erhalte. Das würde jedoch auch eine stärkere Abhängigkeit vom Projekt bedeuten. Damit komme ich zu einem weiteren großen Thema: Entscheidungen treffen.

Ich bin inzwischen in ein anderes Zimmer im Haus gezogen und fühle mich dort zumindest etwas sicherer. Trotzdem gibt es in Bezug auf mein Sicherheitsgefühl in dieser Unterkunft noch deutlich Luft nach oben. Hinzu kommen die ganzen Tiere. Ich habe außerdem die Möglichkeit, die Stadt zu wechseln - zum Beispiel nach La Paz. Alternativ könnte ich auch mein Projekt wechseln und in einem anderen Heim wohnen und arbeiten. Grundsätzlich wäre auch ein Wechsel in eine Gastfamilie möglich, allerdings gibt es aktuell keine freien Familien, sodass ich dafür warten müsste.

Unabhängig von all dem muss ich mich auch mit der Frage auseinandersetzen, ob ich vielleicht etwas früher nach Deutschland zurückkehre, um das verlorene Geld wieder zu erwirtschaften. Momentan fühle ich mich von all diesen Optionen regelrecht erschlagen und stehe unter dem Druck, bald eine Entscheidung treffen zu müssen - was ich wirklich hasse. Falls also jemand von euch das hier liest und das Bedürfnis hat, seinen Senf dazuzugeben: Fühlt euch herzlich dazu eingeladen.

Bis dahin fällt es mir schwer, ausführlich über die ersten beiden Januarwochen zu schreiben. Niklas wird euch aber bald auch von seinen Eindrücken berichten und euch ganz viel von La Paz erzählen. Für mich war diese Zeit trotz allem ein absoluter Traumurlaub, der sich zwischen dem ganzen Trubel tatsächlich wie ein Traum angefühlt hat. Gleichzeitig war es aber auch stressig, da wir durch unseren Hotelaufenthalt ständig auswärts essen mussten - keine ideale Situation, wenn einem gerade größere Geldsummen gestohlen wurden.

Nach dem Urlaub musste Niklas leider schon abreisen. Um mir den Abschied etwas leichter zu machen, habe ich den Besuch bei meiner peruanischen Gastfamilie direkt in die darauffolgende Woche gelegt. Auch darüber werde ich euch vermutlich noch ausführlicher berichten. Diese Woche hat sich für mich ähnlich entspannt angefühlt wie ein Besuch bei meinen Großeltern: Ich habe erschreckend viel geschlafen und die wache Zeit mit ganz viel Quality Time mit der Familie verbracht.

Über Lima möchte ich euch an anderer Stelle noch mehr erzählen, aber eine sehr wichtige Information will ich euch nicht länger vorenthalten: Es gibt Parmesan in Lima. Es muss sich um eine Verschwörung handeln.

Ich beende den Beitrag jetzt an dieser Stelle, auch wenn wir zeitlich noch nicht ganz in der Gegenwart angekommen sind.

Ich schreibe euch ganz bald wieder!

Ganz liebe Grüße und eine optionale Umarmung

Malin

14. Eintrag, 17.02.26

Hallo ihr Lieben,

ich hoffe natürlich, dass es euch supertoll geht! Ich bin mittlerweile schon wieder mehr in meinem Alltag angekommen. Als ich wiederkam, habe ich eine neue Chefin namens Fabiola bekommen. Dabei wurde Mi Rancho in seiner Aufgabenverteilung nach und nach ganz schön umgekrempelt. Um diesen Umschwung zusammenzufassen, würde ich sagen: schwindende Verantwortung für die Freiwilligen und mehr Verantwortung für die Betreuer. Das betrifft mich aber auch nicht mehr in allzu großem Stil, da mir Fabiola gesagt hat, dass ich den Großteil der Woche in L2P verbringen werde. Genauer gesagt Montag bis Donnerstag; Freitag bin ich dann in Mi Rancho und mache außerdem montags und mittwochs Rincones (die Abendbeschäftigung für die Jungs) und nehme dienstagabends am Streetwork in Cotoca teil.

Den Wandel habe ich eigentlich ganz gut aufgenommen, bloß muss ich jetzt immer schon um 8 Uhr bei der Arbeit sein und dementsprechend um 6:30 Uhr aufstehen (wofür beendet man eigentlich die Schule, wenn es einen danach weiter heimsucht?). Dafür arbeite ich aber gar nicht allzu lange und bin nach dem Mittagessen schon auf dem Heimweg, was nicht vergleichbar mit meinen Arbeitszeiten bei Mi Rancho ist, wo ich regelmäßig die 8-Stunden-Grenze überschritten habe (nennt mich einen Workaholic).

Im Januar ist hier ja Sommer und entsprechend gibt es auch Sommerferien. Das bedeutet zwei Dinge: Die Kinder im Kindergarten kommen Mitte Januar aus ihren Mini-Ferien wieder, und die Jungs aus Mi Rancho haben bis Anfang Februar frei. Das bedeutet, dass wir zwei Monate lang 20 gelangweilte Teenager bespaßen dürfen (einer Aufgabe, der ich mich durch meine neuen Arbeitszeiten richtig super entziehen konnte). Ich bin nämlich jetzt ein Kindergartenprofi geworden.

Nach den Mini-Ferien schreiben sich alle Kinder nämlich neu in den Kindergarten ein. Dabei werden sie in neue Gruppen aufgeteilt und es kommen natürlich auch ganz viele neue Kinder dazu. Besonders die kleinste Gruppe, die Entchen, hat viel Zuwachs bekommen, wobei die Jüngste gerade 1 Jahr und 4 Monate alt ist. In Bolivien ist es relativ normal, dass Kinder ab diesem Alter den Kindergarten besuchen. Die Kinder selbst finden das aber überhaupt nicht normal und haben uns das in den ersten drei Wochen durch sehr lautstarkes Beschweren mitgeteilt. In diesem Zeitraum bin ich mir sehr sicher, dass täglich mindestens zwei Kinder – trotz einiger optischer Ungereimtheiten – überzeugt davon waren, dass ich ihre Mutter sei. Entsprechend hatte ich auch direkt immer zwei Kinder auf dem Arm und wurde dabei zu einem automatisierten Schaukelapparat (ich hatte ja überlegt, hier ins Fitnessstudio zu gehen, aber ich glaube, ich und alle Mütter haben das längst nicht mehr nötig).

Jetzt bin ich so langsam wieder mehr der Kletterbaum, auch wenn diese Aktivität teilweise mit ein wenig Geschaukel verbunden ist. Ich verrate euch, dass ich mich gerade gegen eine tageweise Erzählung entschieden habe und euch lieber alles aus dem Kindergarten der letzten Wochen erzähle. Es wurde nämlich beschlossen, dass ich ab sofort Englischunterricht geben soll, und ich verrate euch direkt, dass sich meine sonst so funkensprühende Motivation in Grenzen gehalten hat, weil ich noch genau weiß, wie das in Mi Rancho lief. Meine Logik war also: Wenn ich 12-Jährigen keinen Englischunterricht geben kann, was soll ich denn dann den 2-Jährigen erzählen? (Ich habe die Macht der Präpubertät unterschätzt – auch hier nochmal mein großes Beileid an alle, die sich in ihrem Leben schon viel mit Präpubertierenden auseinandersetzen mussten.)

Die kleinen Kinder sind wirklich um einiges pflegeleichter! Ich berichte euch jetzt erst einmal von meinem Erfolgserlebnis, und dann hangeln wir uns ein wenig nach unten. Der Unterricht bei den Ameisen (4–5 Jahre) läuft wirklich überraschend (sehr überraschend) gut. Sie können jetzt schon „hello“ in meiner Morgenrunde sagen. Außerdem konnte mir ein Kind letztens sogar schon sagen, dass Blau auf Englisch „blue“ heißt, und ich will euch sagen, dass ich an der Stelle am liebsten direkt eine Kerze angezündet hätte (ich respektiere aber natürlich den Brandschutz). Die Kinder haben wirklich viel Motivation, und ich freue mich mittlerweile schon darauf, mich bei ihnen am Montagmorgen reinzusetzen.

Dienstagmorgen wird mein Publikum plötzlich sehr hart zu knacken: Die Entchen (1–2) haben wirklich wenig Interesse an meinem mega Englischunterricht. Wir hören seit drei Wochen jeden Dienstag das „Hello-Lied“ und klatschen in die Hände und drehen uns im Kreis (wenn ich von „wir“ spreche, meine ich damit die Erzieherin Mirtha und mich – die Entchen sind leider noch ohne jegliche Motivation). Und ihr denkt euch jetzt vielleicht: Ja, aber sie können sich vermutlich einfach noch nicht so gut merken, wie der Hello-Song geht. Ich höre den Hello-Song jeden Dienstag ungefähr siebenmal an (siebenmal!!). Trotzdem finden die Entchen und ich noch nicht so ganz zusammen, wenn es um die englische Sprache geht. Vielleicht sind sie auch nur wählerisch und möchten ein wenig Deutsch lernen (ich suche schon mal nach dem Hallo-Lied).

Wenn wir dann auf den Mittwoch zusteuern, lerne ich Englisch mit einem Haufen wilder Bienchen (2–3). Diese Klasse steckt wirklich voller Motivation (für zwei Minuten) und widmet sich danach wichtigeren Aufgaben wie der Inspektion verschiedenster Bauklötze oder der Ermittlung, wer denn nun am schnellsten von einer Wand zur anderen rennen kann. Dabei störe ich natürlich immer nur ungern. Wir haben uns durch einen Kompromiss mithilfe eines Mini-Fußballs in der Hello-Runde jetzt auf den Spaß am Englischlernen geeinigt, aber leider wird auch dabei der Ball immer über dem „Hello“ in der Prioritätenliste stehen.

Wenn wir schon bei mehr oder weniger erfolgreichen Unterrichtsstunden sind, kann ich euch auch von meinem super Ausflug mit den Mi-Rancho-Jungs erzählen. Wir sind nämlich in den Sommerferien gemeinsam für einen Tag in einen Freizeitpark in Cotoca gefahren. Da gab es auch einen Pool, und ich habe natürlich direkt den Ruf des Poolwassers gehört und dort meine ganze Zeit verbracht. Ich konnte leider nicht wirklich trainieren, da hier die Frauen mit Kleidung schwimmen müssen. Ich war also ganz brav mit Klamotten schwimmen und habe es mir zur Aufgabe gemacht, den Jungs Schwimmtraining zu geben (ein zu großen Teilen ungefragter Service). Die Jüngeren konnten aber noch gar nicht schwimmen, und da konnte ich wirklich etwas unterstützen.

Die Jungs sind jetzt mittlerweile zum Glück wieder in der Schule, und ich habe an Freitagen die Ehre der Hausaufgabenhilfe. Da wir uns natürlich alle vorstellen können, wie toll ich in spanischer Grammatikkontrolle bin, bin ich hauptsächlich in Kunst oder Mathe unterwegs. Mir ist aber im Allgemeinen aufgefallen, dass die Unterrichtsform oder auch die Art der Hausaufgaben eigentlich immer das Kopieren von Bildern oder Abschnitten ist. Bei meinem Englischunterricht habe ich zum Beispiel gesehen, dass einer der Jungen im Englischunterricht die Zahlen von 1 bis 1000 auf Englisch feinsäuberlich in sein Buch geschrieben hatte. Also kann ich theoretisch schon auch bei den anderen Aufgaben unterstützen, aber dabei habe ich immer meine Bedenken.

In Mi Rancho gibt es jetzt ein drittes Projekt, ein Streetworkprojekt, in dem meine Mitbewohnerin Martha primär involviert ist. Ich weiß gar nicht genau, wie das alles dabei aussieht, aber eine Sozialarbeiterin macht zusammen mit Martha die ganze Streetworkarbeit, was ich im Allgemeinen erst einmal sehr gut finde. Wenn wir uns den Hauptkritikpunkt an Freiwilligendiensten ansehen – dass Freiwillige ohne jegliche Erfahrung oder Ahnung in einen Job gesteckt werden, in dem sie nicht unterstützen, sondern eine Stelle ersetzen –, dann würde ich sagen, dass auch Mi Rancho definitiv betroffen ist. Deswegen bin ich überzeugt davon, dass eine solche feste Stelle gerade im sonst nur von Freiwilligen besetzten Streetwork definitiv eine Entlastung ist und für das Projekt am Ende auch nachhaltiger.

Wie ihr gerade ja schon raushören konntet, sprach ich von meiner Mitbewohnerin Martha, die – wie die ganz Aufmerksamen von euch schon bemerkt haben – ein neuer Charakter dieser Reise ist. Martha ist nämlich Mitte Januar angekommen und hat sich ratzfatz in unseren Alltag eingefunden. Mit Martha werde ich den Großteil der nächsten Monate alleine leben, und ich würde prognostizieren, dass diese Monate mit sehr viel Lachen begleitet werden. Frustrierend ist bloß manchmal, dass meine Ausdrucksformen im Spanischen noch nicht so viele Möglichkeiten für meine supertollen Witze bieten und unsere Mitbewohnerdynamik alleine auf Marthas (zugegeben schon sehr gutem) Humor baut.

Leider habe ich dafür dann eine andere Aufgabe im Haushalt – das Töten der Schlangen. Nun könnt ihr euch vorstellen, dass das nun wirklich nicht meine Lieblingsaufgabe ist, und ich viel lieber die witzige Mitbewohnerin wäre. Leider ist das Leben aber kein Wunschkonzert, und Martha hat ganz dolle Angst vor Schlangen. Zum Glück habe ich bisher immer nur sehr entspannte Schlangen erwischt. Ich denke, sobald eine von diesen Landaalen sich in meine Richtung bewegt, gehen Martha und ich in den Lockdown.

Bis zum Samstag haben wir zumindest noch Unterstützung von Paula, die sich danach skandalöserweise wieder ihrem spanischen Alltag widmen wird. Samuel ist ihr letzte Woche Montag schon zuvorgekommen, da er unbedingt Karneval in Spanien feiern wollte.

Ich hingegen wollte Karneval gerne in Oruro feiern (größter Karneval in Bolivien und gilt als UNESCO-Meisterwerk). Leider war das alles aber so unfassbar teuer, dass ich mir das nicht hätte leisten können. Allein die Anreise hätte 400 Bolivianos (40 €) gekostet (so viel bekomme ich monatlich für mein Essen). Zusätzlich der Eintritt für 75 €, und wir alle wissen, dass der Spaß bei so etwas leider preislich nie aufhört. Ich habe mich dann stattdessen dazu entschieden, nach Cochabamba zu fahren und Mia und Viktoria (zwei Freiwillige aus meiner Organisation) zu besuchen.

Cochabamba zu beschreiben fällt mir sehr schwer; leider habe ich in puncto Fotomachen auch ein wenig versagt. Ich würde aber sagen, dass es im Vergleich zu Santa Cruz sehr viel ruhiger ist, und das Klima ist definitiv um einiges angenehmer. Ich habe sehr viele Cafés mit den beiden besucht und wir haben uns natürlich auch Karnevalsaktivitäten zugewandt. In Sucre und Cochabamba wird um Karneval nämlich viel mit Wasserbomben geworfen. Zusätzlich haben die Leute viele Wasserpistolen und Sprühdosen mit Schaum. Bist du auf der Straße, dann kriegst du potenziell einiges ab. Bist du weiß und auf der Straße, bekommst du zu 1000 % sehr viel ab.

Wir haben uns einen Tag selbst mit Schaum ausgestattet und sind durch die Straßen gegangen. Es hat sich angefühlt wie in einer riesigen Wasserschlacht. Ab irgendeinem Punkt bekam ich aber einen ganzen Kübel Wasser übergeschüttet und habe danach gefroren. Auf der Suche nach der Straße, in der unser Micro fährt, haben wir uns ein wenig verlaufen und sind am Ende im großen Markt eines unsicheren Viertels gelandet. Ab diesem Punkt ist die Stimmung für uns gekippt. Die Leute dort haben nicht aufgehört, uns mit Wasserbomben abzuwerfen – und das teilweise so stark, dass wir davon blaue Flecken bekommen haben. An einem Punkt standen wir an eine Wand gedrängt und wurden einfach nur von Männern abgeworfen. Für mich war diese Situation wirklich sehr unangenehm, und wir haben uns danach nur noch mehr bemüht, schnell nach Hause zu kommen.

Als wir einen Verkäufer fragten, wo unsere Microlinie fährt, hielten uns drei Frauen an, die uns fragten, was wir hier machen würden (weil es so unsicher sei), und dass wir so schnell wie möglich von hier weg müssten. Sie haben alle Männer angeschrien, die uns abwerfen wollten, und uns am Ende geholfen, ein Taxi zu rufen, um schnell wegzukommen. Sie haben uns noch einmal erklärt, wie gefährlich die Situation gewesen sei. Ich bin sehr dankbar dafür, dass uns diese Frauen da herausgeholfen haben. Im Allgemeinen haben mir schon in vielen gefährlichen Situationen Bolivianer*innen geholfen und sich wirklich bemüht, meine Sicherheit zu gewährleisten. Trotz des blöden Endes versuche ich, Karneval als lustige Wasser- und Schaumschlacht in Erinnerung zu behalten.

Unabhängig von Cochabamba durfte ich mittlerweile auch Sucre kennenlernen. Ich hatte Anfang Februar dort mein Midterm-Camp und bin einen Tag früher angereist, um noch ein bisschen das Zentrum zu erkunden. Sucre ist wirklich eine sehr, sehr hübsche Stadt, deren Innenstadt mit den weißen Häusern wirklich eine Reise wert ist. Auch hier war das Klima sehr angenehm und das Sicherheitsgefühl meines Erachtens sehr hoch. Ich habe einen Tag lang mit Clara (einer Freiwilligen aus meiner Organisation) verbracht und fleißig Schokolade gegessen, wofür die Stadt bekannt ist (warum kann Santa Cruz nicht für Gummibärchen bekannt sein?).

Danach sind wir mit meiner Organisation ein wenig außerhalb von Sucre zu unserem Camp in der Nähe der sieben Wasserfälle gefahren. Das Camp war sehr schön und die Location und das Essen waren auch super. Wir hatten ein paar Einheiten zur Selbstreflexion, auch wenn eine solche Reflexion nicht in einem Camp von zweieinhalb Tagen zustande kommen wird. Natürlich mussten wir auch die Wasserfälle besuchen und haben dort eine Wanderung gemacht, bei der meine Gruppe (ohne Betreuer) für 30 Minuten verloren gegangen ist. Beim Schwimmen in den Wasserfällen habe ich mir einen saftigen Sonnenbrand eingefangen. Dadurch bin ich jetzt aber super gebräunt, und ich würde mich natürlich freuen, wenn euch das bei meinen letzten Fotos auffällt! (Auch wenn wir nicht darüber reden, dass mein erster ordentlicher Sonnenbrand nicht in Santa Cruz mit seinen 40 °C, sondern in Sucre bei 24 °C passiert ist.)

Ich schreibe euch diesen unchronologischen Beitrag übrigens gerade aus meinem Reisebus zurück nach Santa Cruz, nachdem ich meine nassen Karnevalsklamotten einfach in einer Plastiktüte in meinen Rucksack gesteckt habe. Hoffen wir, dass sie das überleben, da ich direkt nach meiner Ankunft auch erst einmal in den Kindergarten düsen werde.

Davon hört ihr dann aber im nächsten Eintrag.

Fühlt euch gedrückt, falls ihr wollt!

Liebe Grüße

Malin :)

15. Eintrag, 04.04.26

Hallo ihr Lieben,

Ich melde mich gerade von der Seite eines Krankenhausbettes. Zum Glück ist das, was er hat, nicht allzu schlimm. Leider ist seine Frustration unverändert hoch, und ich versuche, dass wir beide hier möglichst lebendig herauskommen. Wenn ihr das lest, bedeutet das aber immerhin, dass ich zum Zeitpunkt des Abschickens noch zu den fitten Menschen gehöre.

Mir ist eben beim Schreibabschluss aufgefallen, dass ich euch am Ende meiner Beiträge gerne verspreche, beim nächsten Mal von irgendetwas zu berichten – und dem dann frecherweise nie nachkomme. Um dieses Muster einmal zu durchbrechen, kann ich euch berichten, dass ich meinen Weg vom Busbahnhof zur Arbeit auf dem Motorrad zurückgelegt habe. Danach war ich auch bei der Arbeit beeindruckend fit und agil unterwegs.

Damit der Tag nicht allzu entspannt wird, hatten wir am Abend Streetwork – allerdings kein normales, sondern ein Streetwork-Event. Wir konnten uns nämlich endlich eine festangestellte Sozialarbeiterin leisten, und damit sie gut ankommt und wir Paula ordentlich verabschieden können, haben wir ein gemeinsames Fußballspiel organisiert. Es gab auf jeden Fall viele Tränen (für Paula) und viele Kennenlernspiele (für Rosa, die neue Sozialarbeiterin). Marta konnte leider nicht teilnehmen, weil sie sich am Karnevalswochenende Chikungunya eingefangen hat. Das ist ein von Mücken übertragener Virus, der mit wirklich starken Schmerzen in Knochen und Gelenken einhergeht. Das Problem ist, dass die Krankheit oft nicht einfach nach zwei Wochen verschwindet, sondern bei vielen chronisch wird. Marta hat zum Beispiel immer noch kaum Kraft in den Händen und kann nicht einmal Flaschen öffnen. Ich finde, das ist wirklich eine absolute Horrorkrankheit.

Entsprechend nervös war ich, als meine Mitbewohnerinnen mir erklärten, dass wir uns relativ leicht ebenfalls anstecken könnten, wenn dieselbe Mücke erst Marta und dann mich sticht (und wir haben wirklich viele Mücken). Ich war also in den nächsten Tagen ein bisschen blasser – auch wenn man meine Hautfarbe unter den ganzen Schichten Mückenschutz wahrscheinlich ohnehin nicht mehr erkennen konnte. Chikungunya ist nämlich nicht nur in unserer WG ein Thema, sondern in ganz Santa Cruz (bitte drückt mir die Daumen).

Die restliche Woche lief darauf hinaus, dass Paula am Wochenende abreist. Nachdem wir sie verabschiedet hatten, haben Marta und ich direkt ihre Sachen unter uns aufgeteilt (bloß keine Zeit verlieren). Ich bin an dem Wochenende auch direkt in mein neues Zimmer gezogen – das beste Zimmer im Haus. Und ich will nicht angeben, aber „bestes Zimmer“ heißt nicht nur beste Lage und Fensterposition, sondern auch: größtes Bett, größter Schrank, größter Schreibtisch (und ja, darauf bilde ich mir etwas ein). Ich genieße es in vollen Zügen.

Zusätzlich haben Marta und ich unsere neu gewonnene Macht genutzt und ein Mitbewohner-Meeting einberufen. Wir haben Baustellen im Haus gesammelt und besprochen, was wir verändern oder anschaffen möchten (merkt man, dass mir meine Abi-Komitees fehlen?). So überflüssig es klingt: In der darauffolgenden Woche haben wir es tatsächlich geschafft, gemeinsam auf den Markt zu gehen und Putzsachen zu kaufen. Darunter auch – Trommelwirbel – die erste Klobürste für unser Haus (ich sage dazu nichts weiter). Ich glaube, das war mein erstes Zeichen, dass ich mich jetzt als richtige Erwachsene bezeichnen kann, denn ich war wirklich sehr aufgeregt, das Bad zu putzen.

Das musste allerdings noch einen Tag warten, weil ich mit zwei Freiwilligen von meiner Organisation (Clara aus Sucre und Celina, die neu in Santa Cruz angekommen ist) zu den Lomas de Arena gegangen bin. Die Lomas de Arena sind ein geschützter Wüstenbereich in einem Außenviertel von Santa Cruz. Wir sind dorthin eine Stunde mit dem Micro gefahren und mussten dann noch eine Stunde bei beißender Hitze bis zum Eingang laufen. Als wir dort ankamen, waren wir nicht nur zur Hälfte geschmolzen, sondern auch schon in mäßiger Panik, dass unsere Wasserreserven nicht ausreichen (wie im Film alles).

Beim Bezahlen des Eintritts (da hörte das Filmfeeling kurz auf) trafen wir auf ein Pärchen (sie Bolivianerin, er Kanadier), die ähnlich motiviert waren, die nächste Stunde Wanderung anzutreten. Gemeinsam fanden wir eine Lösung für lauffaule Menschen und haben uns mit einer Gruppe mit einem Pick-up-Truck angefreundet. Der Name macht dem Auto alle Ehre, denn wir wurden hinten auf der Ladefläche eingesammelt und durften den Wanderweg von oben begutachten.

Der Kanadier hatte während des gesamten Ausflugs panische Angst davor, von Mücken gestochen zu werden. Mit meiner Mitbewohnerin mit Chikungunya zu Hause haben wir ihm selbstverständlich gesagt, dass er sich überhaupt keine Sorgen machen müsse und Mückenstiche halb so wild sind (man muss dem Mann ja nicht unnötig Angst machen).

Das Pick-up-Auto hatte ein befreundetes Auto, das auf dem Weg in einem riesigen Wasserloch stecken geblieben ist. Das haben wir dann gemeinsam herausgezogen. Wir haben zugesehen, weil die Gruppe meinte, das sei eine Aufgabe für Männer. Normalerweise würden wir ihnen das Gegenteil beweisen, aber in dem Fall waren wir eh schon so sehr geschmolzen, dass wir Sorge hatten, uns komplett aufzulösen, wenn wir in das Wasserloch steigen (auch Feministinnen müssen ruhen).

Mit nassen Autos kamen wir schließlich bei den Lomas de Arena an, die aussahen wie ein übergroßer Sandberg. Natürlich sind wir hinaufgestapft und haben den Ausblick genossen, dabei ließen wir die Autogruppe aber nicht aus den Augen. Mit ihnen sind wir danach weiter zu einer kleinen Lagune, wo eine andere Gruppe gerade Sandboarden war.

Die Gruppe war super herzlich und hat uns angeboten, es mal auszuprobieren. Also haben wir drei an der steilsten Stelle, die wir finden konnten (vielleicht auch die flachste), angefangen zu sandboarden. Ich würde meine Performance sehr gerne auch Sandboarden nennen, aber ich bin ein Angsthase, der drei Meter einen Hügel heruntergerutscht ist und dabei Claras Hand gehalten hat. Ich werde trotzdem versuchen, aus Celinas sieben Sekunden Video ein Foto zu machen, das möglichst viel nach Abenteuer und möglichst wenig nach Händchenhalten aussieht.

Nachdem wir dann sagen konnten, dass wir schon einmal in der Wüste sandboarden waren, war das Abenteuer für uns abgeschlossen und wir sind mit unseren neuen Pick-up-Freunden zurückgefahren. Weil wir wirklich genug vom Laufen und Schwitzen hatten, haben wir uns von ihnen bis in die Stadt mitnehmen lassen und sind danach erst einmal zu dritt ein Eis essen gegangen. Sandkörner haben wir dann leider die nächsten Tage immer noch überall gefunden, aber das gehört zu so einem Wüstenabenteuer dazu.

Am Folgetag war es dann endlich an der Zeit, unsere neuen Putzutensilien auszutesten. Als ich am Sonntag gerade mir unbekannte Dinge aus der Dusche gekratzt habe, haben sich plötzlich die ersten Symptome von dem angeschlichen, was mich die nächste Woche begleiten sollte. Ich hatte nämlich eine Lebensmittelvergiftung und durfte eine Woche lang in meinem Bett liegen und trockene Cracker essen. Nach vier Tagen musste ich mich dann irgendwie ins Krankenhaus schleppen, netterweise begleitet von Marta. Ich hätte nicht gedacht, dass zwei Krankenhausbesuche mit ein paar Labortests so teuer sind. Insgesamt habe ich 115 € gezahlt (und das war schon das günstige Krankenhaus). Für uns klingt das vielleicht nicht nach viel, aber das ist doppelt so viel Geld, wie ich monatlich für Essen, Haushalt und Transport bekomme.

Pleite und klapprig habe ich mich am folgenden Sonntag wieder an ein bisschen Sauerteigbrot getraut (das habe ich in einer Bäckerei neben dem Krankenhaus gefunden – Glück im Unglück, würde ich sagen).

Mit Schonkost und Mittagsschlaf habe ich es dann geschafft, die nächste Woche wieder halbwegs gesund arbeiten zu gehen. Neben den Krankheiten im Marta-Malin-Haushalt hatten wir aber schon länger ein anderes Problem: Die Gräser um unser Haus sind irgendwann so hoch gewuchert, dass wir verstärkt Probleme mit Mücken und Schlangen hatten. Natürlich finden wir für solche Probleme mit Leichtigkeit eine Lösung und haben für das kommende Wochenende eine Minga geplant. Eine Minga ist in unserem Fall ein Vormittag, an dem alle Jungs aus dem Heim bei uns den Rasen schneiden und wir ihnen dafür etwas zu essen präsentieren.

Marta und ich haben uns für dieses Event bibbernd vorbereitet, da die Jungs alle sehr gut darin sind, ihre Frustration über alles sehr intensiv auszudrücken. Unser Tagesmenü war: glutenfreier Apfelkuchen mit einem Schoko-Bananen-Milchshake. Klingt für uns super lecker, die Jungs hatten dazu leider auch sehr starke Gegenmeinungen. Sich diese anzuhören kann bei manchen Menschen ebenfalls negative Emotionen auslösen. Deshalb saßen Marta und ich danach erst einmal zusammen auf unserer Terrasse, umgeben von kurzem Rasen, und mussten uns gegenseitig ein wenig Mut zusprechen. Ich glaube, um das zu wiederholen, bräuchten wir mindestens zwei Monate emotionale Vorbereitung – aber ich bezweifle, dass unser Rasen das so lange aushält.

Jetzt komme ich zu dem Grund, warum ich gerade im Krankenhaus sitze (da habe ich euch schön auf die Folter gespannt):
Einer der jüngeren Jungs hat schon länger Probleme mit seiner Hygiene und durch aggressive Tendenzen hat es leider nicht so super geklappt, ihn dabei zu unterstützen. Dadurch haben sich dann noch schlimmere Sachen in seinem Körper entwickelt, und jetzt ist er mit Antibiotika stationär im Krankenhaus.

Durch Personalmangel müssen wir auch Schichten im Krankenhaus übernehmen. Auch hier gab es ein paar Schwierigkeiten, da Marta und ich gar nicht solche Verantwortung übernehmen dürfen und vor allem auch nicht Aktivitäten wie Duschen oder Ähnliches begleiten dürfen. Besonders in dem Fall des Jungen, der grundsätzlich Angst vor Wasser hat, gab es dabei eine Situation, die wir so gar nicht hätten haben dürfen. Mittlerweile haben wir das kommuniziert und bekommen hoffentlich nicht mehr solche Verantwortung, aber ich finde es trotzdem erwähnenswert für euch.

Was ich natürlich auch mal erwähnen sollte, ist meine veränderte Beziehung zum Motorradfahren. Irgendwo zwischen den gezwungenen Fahrten haben ich und diese Höllenmaschine eine Enemies-to-Lovers-Geschichte angefangen, und jetzt verstehen wir uns überraschend gut. Das könnte unter anderem daran liegen, dass ich die finanziellen Vorteile festgestellt habe. Gleichzeitig ignoriere ich hier die Sicherheitsprobleme (in Bolivien kann mir nämlich nichts passieren – in Deutschland würde ich mich aber niemals auf so ein Teil setzen).

Unabhängig vom Motorradfahren habe ich eine neue Leidenschaft für mich entdeckt: Açaí-Bowls. Weil das hier natürlich ein Reiseblog mit wissenschaftlichem Anspruch ist, habe ich keine Kosten und Mühen gespart, um euch Hintergrundinformationen zu liefern. Die Açaí-Beere wächst an einer Kohlpalme und kommt primär aus Brasilien, wächst aber auch in anderen Ländern Südamerikas.

Die Beeren werden gefroren und püriert, und dann kann man sich beliebige Toppings darauf packen. Das Eis ist voller Antioxidantien, Vitamine und gesunder Fette (leider nicht mehr ganz so gesund, nachdem ich meine Süßigkeiten darauf verteile). Die Açaí-Bowl ist auch in Europa bekannt und beliebt, worauf die Bolivianer meiner Erfahrung nach sehr stolz sind. Besonders in Santa Cruz findet man an jeder Ecke einen Açaí-Laden (was meinem Geldbeutel nicht unbedingt hilft). Dort gibt es meist eine offene Bar, bei der man sich die Menge an Eis und die Toppings selbst zusammenstellt und am Ende nach Gewicht bezahlt. Ich werde euch auf jeden Fall noch Fotos zur Verfügung stellen, damit ihr diese Premium-Erfahrung miterleben könnt. Bis dahin lade ich euch natürlich zum Googeln ein :)

Ich bekomme in den nächsten Tagen Besuch von einer Freundin vom DLRG, ihrer Arbeitsfreundin und einem costa-ricanischen Freund von ihr. Die drei werden hoffentlich auch in meinen Açaí-Bann gezogen. Wir werden auf jeden Fall zum Salar de Uyuni reisen – dabei nehme ich euch dann aber separat mit.

Wenn’s gut läuft, hören wir uns bald wieder.

Dicke Umarmung
Malin